Peru nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen
Historische Ereignisse in Peru wiederholen sich offenbar mehr als zweimal. Um heute die Geschichte von morgen zu schreiben, würde es ausreichen zu erzählen, was gestern geschehen ist. Seit 2016 ist Perus politische Geschichte die Wiederholung einer endlosen Krise. Die Krise ist Normalität, die Regel. Das politische System erhält das herrschende wirtschaftliche System aufrecht. Doch um das zu verstehen, müssen wir in der Zeit zurückreisen.
In den 1990er-Jahren, inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, setzte das Regime von Alberto Fujimori ein neoliberales Programm durch. Diese neue Wirtschaftsordnung wurde nicht nur durch Zwang aufrechterhalten, weite Teile der Gesellschaft sahen darin einen Ausweg aus dem Chaos der Inflation, dem staatlichen Zusammenbruch und der politischen Gewalt. Zu der Zeit war der Neoliberalismus nicht bloß Wirtschaftsmodell, sondern hegemoniales Projekt. Die Regierungen, die ab 2001 auf Fujimori folgten, erhielten die wirtschaftliche Ordnung aufrecht, enttäuschten aber die Erwartungen der Bevölkerung. Nacheinander standen erst Alejandro Toledo, dann Ollanta Humala für das Versprechen von Veränderung, das beide nicht einhielten. Während das progressive Lager an Zustimmung verlor, legte der Fujimorismus systematisch zu. Obwohl Pedro Pablo Kuczynski (PPK) 2016 als Vertreter der Großbourgeoisie die Stichwahl gewann, errang der Fujimorismus 73 Sitze im Parlament und verdrängte damit PPK in Rekordzeit. In die Enge getrieben, blieb ihm nichts anderes übrig als zurückzutreten.
Nach dem Sturz von PPK führten die Machtkämpfe innerhalb des bürgerlichen Lagers zu einer Verschärfung der Krise, mit Amtsenthebungen, Rücktritten und sozialen Protesten, was zu einer wachsenden Kluft führte. Doch dann tat sich eine Chance auf für die Arbeiterklasse und eine Kleinbourgeoisie aus der Provinz. Sie setzte auf einen Diskurs zur Neugründung der Republik, angereichert mit Elementen der andinen Utopie. Die Corona-Pandemie beschleunigte diesen Prozess massiv. Der Mythos vom neoliberalen Fortschritt war innerhalb weniger Monate entzaubert. Das Land erkannte, dass sich hinter dem makroökonomischen Wachstum eine zutiefst prekäre Gesellschaftslage verbarg: ein zusammengebrochenes Gesundheitssystem, eine riesige Schattenwirtschaft und ein Staat, der unfähig war, seine Bevölkerung zu schützen. Dieser Kontext verlieh den Wahlen 2021 einen historischen Charakter. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten glaubten weite Teile der Bevölkerung, mit ihrer Stimme die bestehende Ordnung verändern zu können. Das Ergebnis war der Einzug eines Lehrers vom Land in den Regierungspalast: Pedro Castillo von der Linkspartei „Juntos por el Perú“. An den Wahlurnen besiegt, reagierte das Großbürgertum mit Angst und Verachtung. Doch Pedro Castillo brachte weder ein durchdachtes Projekt noch eine solide Organisation, geschweige denn eine Transformationsstrategie mit. Er wurde vom ersten Tag an bekämpft, schließlich seines Amtes enthoben und noch während seiner Präsidentschaft inhaftiert, nachdem er den Kongress auflösen wollte.
Zurück zum unvollendeten Projekt
Nach Castillos Amtsenthebung führte der andine Süden einen der bedeutendsten Aufstände der letzten 50 Jahre an. Angesichts der massiven Proteste setzten die herrschenden Eliten auf Repression. Der Staat, mit Dina Boluarte als Castillos Nachfolgerin, entfesselte ein heutzutage unvorstellbares Massaker und erinnerte damit an die schlimmsten Gräueltaten der 1980er-Jahre. Die Massaker spalteten das Land. Während in den ländlichen Regionen Proteste und kollektive Trauerfeiern zunahmen, begannen die Hauptstadtmedien eine Kampagne, um die Protestierenden zu kriminalisieren und als Terrorist*innen („Terruqueo“) zu brandmarken. Sie legitimierten staatliche Gewalt als Teil einer „demokratischen Ordnung“. Diese Sprache war keine rhetorische Übertreibung, sondern folgte einer Machtlogik, die auf der radikalen Einteilung in Freund und Feind basierte: ein Diskurs des Terrors. Wenn Castillo für Unentschlossenheit stand, so war Dina Boluarte das Instrument, mit dem die Bourgeoisie ihre Pläne vorantrieb. Am Ende standen die Staatstrauer und der Aufstieg einer Quechua sprechenden Frau, die zum Gesicht des Verrats wurde.
Mit der Niederlage der Protestierenden geriet die Arbeiterklasse ins Abseits. Sie wartete drei Jahre lang, um 2021 wieder aufleben zu lassen. Während der Wahlen 2026 bekräftigte Pedro Castillo vom Gefängnis aus seine Unterstützung für den Kandidaten Roberto Sánchez Palomino, unter folgender Bedingung: „Ich übergab ihm meinen Hut, damit er stellvertretend für mich die castillistische Route bis zum Regierungspalast durchläuft.“ Abgesehen von den Departements Áncash, Arequipa, Junín und Tacna gewann Sánchez 2026 offiziellen Zahlen zufolge in allen Regionen, in denen Castillo 2021 gewonnen hatte. Obwohl das Stimmergebnis für Castillo 2021 bedeutend höher ausfiel als für Sánchez 2026, reichte es, um sich für die Stichwahl zu qualifizieren. Außerdem schaffte er es, mit 33,8 Prozent den Rückhalt auf dem Land zu stärken, im Vergleich zu den 24,8 Prozent von Castillo 2021.
Sánchez ist nicht Castillo, aber wenn die Gemeinden ihre Geschichte auf der Grundlage dessen schreiben, was sie geerbt haben, befinden wir uns im selben Szenario wie vor fünf Jahren. Die Stimmen für ihn stehen für eine Rache an den Wahlurnen, um eine Rechnung zu begleichen und eine Wiedergutmachung für Pedro Castillo zu erreichen. Zugleich ist es ein Affront gegen die kreolische Republik und das neoliberale System, obwohl Sánchez genauso vage in seinem politischen Programm ist wie Castillo. Die geografische Verteilung der Stimmen zeigt, dass die Regionen die Regierung Castillos nicht als gescheitert wahrnehmen, sondern als ein unvollendetes, von den Eliten zerschlagenes Projekt. Die Stimmen für Castillo verdeutlichen erneut die Kluft zwischen der Küste, den Anden und Teilen des Amazonasgebiets, den historischen Konflikt zwischen dem Landesinneren und der Peripherie, der sich in den letzten fünf Jahren noch verschärft hat.
Der peruanische Milei
Rafael López Aliaga, der ehemalige Bürgermeister von Lima und Mileis peruanischer Nachahmer, hat eine enorme klassistische und rassistische Terruqueo-Kampagne gegen die Wähler*innen von Sánchez und Castillo ausgelöst. Da er als knapp Drittplatzierter befürchtet, wie 2021 nicht in die Stichwahl zu kommen und vom Symbol des ländlichen Hutes verdrängt zu werden, hat er dazu aufgerufen, den Wahlprozess nicht anzuerkennen und die Mitglieder der Wahlorgane festzunehmen, insbesondere den Vorsitzenden der Nationalen Wahlbehörde, Piero Corvetto. Ihm wirft er Wahlbetrug vor. Parallel fluten tausende Nutzer*innen die sozialen Netzwerke mit dem Narrativ des Betrugs und dem Schreckgespenst des Kommunismus.
Nichts davon ist neu. Lauthals verbreitete López Aliaga das Betrugsnarrativ im ersten Wahlgang 2021, während Keiko Fujimori dasselbe während der Stichwahlen in den Jahren 2011, 2016 und 2021 tat. Sie wird es in der Stichwahl 2026 wieder tun. Sollte sie verlieren, wird sie ihre Niederlage nicht akzeptieren. Wir kehren also zum Anfangspunkt zurück: Die Krise wird zum System, um das herrschende Wirtschaftsmodell aufrechtzuerhalten.
Zum Zeitpunkt der Fertigstellung dieses Textes lag Sánchez weiterhin auf dem zweiten Platz; allerdings wurden fast 6000 Wahlprotokolle angefochten. Sie werden aktuell geprüft, es wird voraussichtlich bis Mitte Mai dauern, bis Ergebnisse vorliegen. Falls Sánchez es in die Stichwahl schafft, könnte er die Wahlen gewinnen, aber er würde keine wesentlichen Veränderungen anstoßen. Erstens, weil es die strukturellen Bedingungen nicht zulassen. Zweitens, weil er ein Präsident ohne parlamentarische Mehrheit wäre, mit einer Verfassung, die entwickelt wurde, um das bestehende Wirtschaftsmodell abzusichern. Drittens, weil er nur eine Karikatur Castillos ist. Er ist eine viel angepasstere Persönlichkeit, ein Politiker, der fähig wäre seine Seele zu verkaufen, um zu überleben.
Falls Sánchez doch versuchen sollte, die Veränderungen durchzusetzen, die er vor dem ersten Wahldurchgang versprochen hatte, würde er noch schneller abgesetzt werden als Castillo. Somit kehren wir zum anfänglichen Urteil zurück: Die Namen ändern sich, die Daten auch, aber das Drehbuch ist geschrieben. Trotz allem ist nicht dies das schlimmste Szenario, sondern ein noch schrecklicheres: In seinem Ehrgeiz, nicht abgesetzt zu werden, könnte Sánchez zur männlichen Version von Dina Boluarte werden.
Homero Quiroz Cabañas ist Historiker an der Abteilung für Geschichte der Universidad Nacional San Antonio de Abad del Cusco. Übersetzung: Marisa Hempelmann. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 495 Mai 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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