Unmittelbar nach seiner Absendung durch den Deutschlandfunk war dieser Text sofort Gesprächsthema in meinem Freund*innenkreis:

Mariel McLaughlin: Ich bin dann mal tanzen! – Wie wir uns der dystopischen Gegenwart stellen – Klimakatastrophe, Kriege und Wiedererstarken autoritärer Ideologien – die Gegenwart trägt dystopische Züge. Und wir gehen shoppen, belegen Achtsamkeitsseminare oder schuften für die teure Miete. Können wir uns daran gewöhnen, in zwei Welten zu leben?”

Die Autorin ist nicht mal halb so alt – doppelt so jung? – wie ich. Und empfindet wie ich. Inwiefern spricht das für oder gegen sie oder mich? Falsche Frage. Sicher bewusst dürfte ihr wie mir die therapeutische intellektuelle Kraft des Schreibens sein. Sie bekommt ein hoffentlich faires Honorar von unserem Gebührengeld; mein Honorar ist meine Rente.

Durch ihren Essay schimmert nur zaghaft durch, was die politische und therapeutische Rettung für sie, mich und fast alle Andern ist: das Kollektive, der Austausch, das Soziale (nicht zu verwechseln mit algorithmischen Netzwerken dieses Namens) – die anderen echten Menschen. Exakt das versucht der neoliberale Kapitalismus in seiner faschistischen Endausführung komplett zu zertrümmern.

Im Alltag sind es die Nachbar*inne*n, die Verkäufer*innen in Bäckerei und Supermarkt, die Leute in der Warteschlange an der Kasse, die Kellner*innen in Bistro und Kneipe, die Busfahrer*innen (wenn sie ansprechbar sind). Die überlebenswichtige Kraft der Freundlichkeit. Raus zum Essen. Wenn ich gebe, bekomme ich auch viel zurück. Abends dann die Fussballkneipe, die Bürgerinitiative, die Gewerkschaft und für die unverbesserlich-Guten vielleicht auch die Parteiversammlung? Oder was auch immer sie ersetzen kann.

Als Ungläubiger

bin ich heute durch Mosaik/WDR3 sogar auf das “Kirchenmanifest” der Initiative Baukultur gestossen. Aber ja, völlig richtig. Die Kirchengebäude müssen vor dem Frass durch den real existierenden Immobilienkapitalismus gerettet werden. Sie sind nicht nur Denkmäler sondern Potenziale für kollektives menschliches Denken, Reden und Handeln. Unter den Unterzeichner*innen finde ich meinen einstigen NRW-Koalitionspartner und Ex-Staatskanzleichef Rüdiger Frohn wieder. Mit dem konnte mann arbeiten. Es gibt nicht mehr viele Sozialdemokrat*inn*en, von denen das behauptet wird.

Eine Grundsatzfrage bleibt ungeklärt: warum nur die Kirchen? Noch dringender müssen Wohnungen vor dem Frass des Grosskapitals gerettet werden. Die Klassenfrage unserer Zeit. Aber besser ein Anfang als ein Nichts.

Über Martin Böttger:

Avatar-FotoMartin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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