Wenn Politiker:innen nicht mehr selbst reden, sondern Maschinen für sich sprechen lassen, mangelt es ihrem Auftritt an Authentizität. Doch gerade die macht einen Teil ihrer Legitimität aus. Denn in einer Demokratie sollten wir von Menschen repräsentiert werden, nicht von Robotern.
In einem Handbuch des IT-Unternehmens IBM aus dem Jahr 1979 steht ein bemerkenswerter Satz: „Ein Computer kann niemals zur Verantwortung gezogen werden. Daher darf ein Computer niemals Führungsentscheidungen treffen.“ Die Regel hat auch knapp 50 Jahre später nicht an Brisanz verloren. Denn die Vermutung liegt nahe, dass zahlreiche Unternehmen inzwischen auch kritische Entscheidungen an KI-Systeme auslagern. Aber was, wenn auch Politiker:innen ihre Funktion gar nicht mehr selbst ausüben, sondern eine Maschine mit der Ausführung beauftragen?
In den vergangenen Wochen haben Vermutungen Aufsehen erregt, dass mehrere Spitzenpolitiker allzu gerne KI ihren Job erledigen lassen. Mario Voigt, Dietmar Woidke und Karsten Wildberger gerieten in den Verdacht, ihre Reden und Gastbeiträge in Medien von KI-Programmen generieren zu lassen. Die Debatte darum, ob und inwieweit dies im Widerspruch zu ihrem Amt steht, wurde zurecht in Teilen heftig und emotional geführt.
Roboter sind keine Repräsentanten
Wir wählen, wer für uns spricht und wer für uns entscheidet. Die Menschen in der Bundesrepublik haben sich vor etwa 80 Jahren für eine repräsentative Herrschaftsform entschieden, bei der gewählte Volksvertreter:innen für die Bevölkerung sprechen und entscheiden. Anders als in direkten Demokratieformen, in der die Menschen immer wieder selbst Entscheidungen treffen. Zentrales Instrument dieser Demokratie sind die Repräsentant:innen selbst. Das heißt, einzelne Menschen, die uns durch ihre eigene Person vertreten.
Eben darin besteht auch ein wesentlicher Teil der Legitimität, die eine repräsentative Demokratie auszeichnet. Wir wählen Menschen zu unseren Vertreter:innen, die durch ihren Verstand, ihr Wesen, ihren Charakter und ihre Fähigkeiten geeignet erscheinen, uns besser zu vertreten als andere das könnten. Und die Legitimität der Repräsentant:innen besteht maßgeblich in ihrer Authentizität.
Legitimität durch Authentizität
In Reden, Äußerungen und Texten zeigt sich, was für ein Mensch die Person ist, die uns vertritt. Welche Meinungen sie hat, welche Werte sie ihren Entscheidungen zugrundelegt und worin ihr Wesen besteht. Dabei sind Reden, Auftritte und Äußerungen ein genauso großer Bestandteil von Politik wie Abstimmungen im Bundestag. Wird all das an eine Maschine ausgelagert, verlieren Repräsentant:innen ihre Authentizität – und damit auch ein Stück ihrer Legitimität.
Menschen wollen von Menschen regiert werden. Darauf beruht das bürgerliche Herrschaftsideal, das sich nach den Revolutionen des 18. Jahrhunderts zu etablieren begann. Menschen sind demnach durch ihren eigenen Verstand dazu befähigt, andere zu vertreten, wenn ihre Mitbürger:innen sie dazu bestimmen. Diese Herrschaftsform kann man gut oder schlecht finden – solange aber keine andere in Deutschland Gültigkeit hat, ist es sie es, die politischem Handeln seine Berechtigung verleiht. Deswegen sollte nicht einmal der Eindruck entstehen, dass hinter dem Handeln eines gewählten Vertreters eine Maschine stehen könnte.
Lieber anecken als glattbügeln
Menschen zeichnet aus, dass sie differenzierte Charaktere sind. Sie haben komplexe Meinungen und Wertesysteme, ihre Worte klingen bestenfalls nicht nach hohlen Business-Phrasen und manchmal überraschen sie durch eine bestimmte Einstellung, die wir so nicht von ihnen erwartet hätten. Und: Sie haben immer auch ein eigenes Verhältnis sowohl zu dem Thema, über das sie sprechen als auch zu den Personen, mit denen sie kommunizieren. All das kann ein KI-System nicht.
Statt echten Gefühlen, kontroversen Äußerungen und komplexen Einstellungen klingen Ausgaben von KI-Systemen meist künstlich erzeugt, weichgewaschen, ausgelutscht.
Noch wichtiger aber als der Stil ist der Inhalt: ChatGPT und Claude bilden auch Positionen gerne sanfter, Meinungen weniger kontrovers und Ideen weniger radikal ab, als sie sind. Wenn Politiker:innen KI nutzen, um etwa Reden zu schreiben, dann laufen sie Gefahr, dass ihre eigene Positionen an Klarheit verlieren und sich damit weniger von denen anderer politischer Akteure unterscheidet.
Und es drängt sich die Frage auf: Wenn ein Repräsentant schon seine eigenen Äußerungen nicht mehr selbst formuliert – wieso sollten wir dann glauben, dass er nicht bald auch seine Entscheidungsfindung an Open AI oder Anthropic auslagert?
KI macht uns nur überflüssig, wenn wir sie lassen
Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch von KI zur Textgenerierung durch Medienhäuser.
Menschen, die Medien konsumieren, vertrauen zuallererst den Menschen, die die medialen Inhalte produzieren – den Journalist:innen. Die Standards und Fähigkeiten der Personen, die ein Medium gestalten, machen ein Medium erst vertrauenswürdig. Deswegen ist es weder innovationsfeindlich noch selbstbeweihräuchernd, wenn sich Redaktionen dazu entscheiden, keine KI für ihre Texte zu nutzen. Eine solche Entscheidung beruht vielmehr auf dem Wissen darum, was ihre Daseinsberechtigung ausmacht: die Authentizität und Integrität derer, die das Medium schaffen.
Wir vertrauen weniger einer Institution oder einem Amt als vielmehr den Menschen, die dessen Funktionen ausfüllen. Das gilt für Journalist:innen wie für Politiker:innen. Wenn sie aber ihre Arbeit von einer KI ausführen lassen, kann ich den Computer auch gleich selbst bedienen.
Das löst das Problem nicht – und damit zurück zu dem Eingangssatz aus dem IBM-Handbuch. Denn eine Maschine kann niemals zur Verantwortung gezogen werden.
Dass wir Menschen für ihr Handeln verantwortlich machen, wählen oder abwählen können, ist aber ein weiterer zentraler Grund dafür, warum Menschen demokratischen Systemen vertrauen. Wenn Politiker:innen also glauben, sie könnten ihre Arbeit kurzerhand von einer KI erledigen lassen – und sei es auch „nur“ zum Erstellen einer Rede oder eines Artikels –, dann stellen sie damit nicht nur die Legitimität ihrer eigenen Funktion infrage, sondern auch das Funktionieren des politische Systems selbst.
Carla Siepmann schreibt seit 2022 frei für netzpolitik.org. Sie interessiert sich für Gewalt im Netz, Soziale Medien und digitalen Jugendschutz. Seit 2023 erscheint ihre monatliche Kolumne auf netzpolitik.org. Kontakt: carla_siepmann@mailbox.org, @CarlaSiepmann. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.

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