An das verfassungsmässige Phantasma von der “vierten Gewalt” (1. Legislative, 2. Exekutive, 3. Judikative) habe ich schon in meiner Jugend nicht geglaubt. Als Leser der WAZ, als Hörer des WDR und durch frühes Lesen medienkritischer Bücher wurde dieser Glaube verdorben, noch bevor ich wahlberechtigt wurde. Viele meiner Altersgenoss*inn*en, denen dieses Bildungsprivileg offenbar nicht oder nur unzureichend vergönnt war, glauben allen Ernstes, die “vierte Gewalt” sterbe erst jetzt. Eine völlig unangemessene Nostalgie.
Auch ohne diesen Aberglauben gibt es Gründe genug, um Meinungsfreiheit und -vielfalt gegen Rechts zu verteidigen. Die gab es immer schon im real existierenden Kapitalismus und angeblich “sozialer” Marktwirtschaft. Was in früheren Jahrzehnten versäumt wurde, rächt sich heute in gewachsenen Gefahren.
Diese äussern sich aktuell so:
Stefan Gärtner/Jungle World: “Friedrich Merz gegen Mathias Döpfner: Komm doch mit auf den Hugenberg – Dass der Bundeskanzler sich mit dem Springer-Vorstandsvorsitzenden Döpfner überworfen haben soll, macht Merz nachgerade zum Antifaschisten.”
Völlig richtig betrachtet. Dafür ist es unerheblich, wann und wie oft sich die Herren getroffen, und auf welche Weise sie sich beschimpft haben. Keine Beleidigung wird einen Falschen getroffen haben.
Neu dagegen und für mich in deutschen Medien unauffindbar – Frau Dittert ist in Rente – ist dieser erfreuliche Sachverhalt aus der britischen Medienöffentlichkeit:
Johannes Hartmann/Jungle World: “Die dubiosen Großspender von Reform UK: Farage gegen den Mülleimer – Nigel Farage, der Anführer der rechtspopulistischen Partei Reform UK, geriet wegen nicht gemeldeter millionenschwerer Spenden dubioser Krypto-Unternehmer in die Bredouille. Sein Versuch, sich durch Aufgabe seines Parlamentsmandats und eine Neuwahl aus der Affäre zu ziehen, scheint nach hinten loszugehen.”
Sollte sie trotz Murdochs Übermacht noch funktionieren? Dieser Stoff scheint mir geeignet, Fortsetzungsstaffeln von “Das Gold” zu projektieren.
Das sind die Machtkämpfe der alten Welt. Wichtiger in der neuen Welt sind diese:
Christoph Jehle/telepolis: “Wenn jeder seine eigene Wahrheit liest – KI, personalisierte Informationsströme und flüchtige Quellen untergraben den gemeinsamen Wissensstand. Damit wankt auch die Grundlage öffentlicher Debatten.”
Dazu noch ein (un-)schönes Beispiel. Deutsche Übersetzungen bzw. Adaptionen von “Ilias” und “Odyssee” habe ich als Jugendlicher mit Begeisterung und Spannung gelesen. So, wie ich für Günter Netzer war, war ich für Achilleus und die Griechen, gegen Troja. Heute würde ich nie auf die Idee kommen, in einen Hollywood-Schinken mit diesem Sujet zu gehen. So ist mir entgangen, was die famose Jenni Zylka/MDR-Altpapier dazu politisch protokolliert hat:
“Schweinische Krieger – Es ist zum Schafemelken: Durch die medial breit geführte Debatte um Christopher Nolans Hollywood-Version der ‘Odyssee’ wird der Film immer mehr zum Politikum.”
Gerne unterstreiche ich ihren guten Schluss: “… halb mystisches, halb historisches Beispiel dafür, was Krieg mit Menschen macht, ziemlich grandios ist. Dieser psychologisch wichtige, für mich wichtigste Punkt spielt allerdings in der genannten Debatte bislang kaum eine Rolle. Ist doch erstaunlich. Hoffentlich zürnt Zeus nicht.”
Ich zweifle, ob es Zeus gibt. Aber Homer hat sie verstanden.

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