Der geplante und in Teilen schon begonnene Umbau des Sozialstaats ist weder sozial noch gerecht.

Katharina Protz, 40 Jahre, Sozialpädagogin in einem Jugendamt in Hamburg

“Ich habe zwei Kinder, beide in der Kita, und mein Mann ist freiberuflich als Musiker tätig. Irgendwie ist es immer knapp bei uns, seit die Kinder da sind. Unser erstes Kind wurde im Januar 2020 geboren, dann kam der Lockdown und mein Mann hatte als Musiker von heute auf morgen gar kein Gehalt mehr. Das hat uns in eine ziemliche Krise gestürzt. Ich bin dann arbeiten gegangen und er hat das Kind betreut. Der Kleine kam dann 2022, auch noch während Corona. Die ganze Zeit war die Kita-Situation instabil. Die Kinder durften zwar in die Kita gehen, weil ich einen systemrelevanten Job habe. Aber trotzdem war ständig irgendwas, entweder waren die Kinder krank oder irgendwer in der Kita oder die Kita war nur teilweise geöffnet.

Es war alles eine totale Herausforderung. Wir haben dann entschieden, dass mein Mann erstmal nur sehr begrenzt arbeitet, sodass er alles abfangen kann, wenn das System unsere Kinder nicht betreuen kann. In diesem ganzen Kontext habe ich nie über Wohngeld nachgedacht. Aber als uns unser Hamburger Finanzsenator Andreas Dressel in der Tarifrunde 2023 nahelegte, Wohngeld zu beantragen, damit er keine höheren Gehälter zahlen muss, haben wir es gemacht – es war eher als Protest gedacht.

Wir sind wohngeldberechtigt und bekommen bummelig 100 Euro Wohngeld, was wir kompensieren könnten, sollte es wieder wegfallen. Aber was dazukommt: Aufgrund meiner Arbeit, die unvorhergesehen in die Überstunden gehen kann, weil ich ein Kind, das ich von Amts wegen betreue, eine Krise hat und in die Notaufnahme muss, und die Arbeitszeiten eines Musikers in Hamburg, haben wir ein Anrecht auf bis zu 10-Stunden täglich Kitabetreuung. Durch unsere Wohngeldberechtigung ist das für uns kostenlos.

Kosten für Kita-Ausflüge kann ich über das Bildungs- und Teilhabepaket einreichen. Und wenn der Große jetzt in die Schule kommt, dann ist die Ferienbetreuung sechs Wochen kostenlos, und auch das Mittagessen. Über Kids in the Clubs sind unsere Kinder im Schwimmverein. Es fallen dann halt nicht nur die 100 Euro Wohngeld weg, sondern nochmal rund 100 Euro im Monat, die wir durch all diese Unterstützungsmaßnahmen haben.

Statistisch gesehen sind die Mehrzahl der Wohngeldberechtigten entweder Rentnerinnen oder Familien. Also von wem nehmen sie denn hier das Geld wieder? Von den Frauen, die die Care-Arbeit geleistet haben, damit wir überhaupt jetzt noch Menschen haben, die in die Rente einzahlen. Und von Familien, die sich darum kümmern, dass überhaupt wieder irgendwer nachkommt. Sie nehmen das Geld wieder mal den Falschen.”

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