Eine Szene aus dem Herzen Delhis die über alle indischen Fernsehsender läuft, erklärt vieles, was aktuell in Indien passiert: Eine große Anzahl von Polizisten prügelt mit riesigen Bambusstöcken auf einen jungen Protestler ein. Doch der rennt nicht fort, wehrt sich auch nicht, oder versucht die Schläge abzuwehren, sondern er fordert die Polizisten wütend auf, noch härter zuzuschlagen. Am Ende hören die Polizisten auf zu prügeln und nehmen den jungen Mann nicht einmal fest.

Für Montag den 20.7 hatte die „Kakerlaken-Volkspartei“ zu einem Sonnenuntergangsmarsch auf das Parlamentsgebäude in Delhi aufgerufen.

Ende Mai hatte der 30-jährige Abhijeet Dipke die Kakerlaken-Partei als eine Art Internet-Sarkasmus-Protest gegründet, nachdem ein oberster Richter junge arbeitslose Menschen in Indien als Kakerlaken beschimpft hatte . Ein paar Tage später hatte die Cockroach Janta Party” (CJP) 22 Millionen Mitglieder und damit mehr als die Regierungspartei BJP von Premierminister Narendra Modi.

Anfang Juni organisierte Dipke und seine Unterstützer eine Demonstration in Delhi – schnell war der Spott da, da sich nicht einmal 1000 Menschen einfanden. Auch Dipke wurde vorgeworfen kein Charisma zu haben. Doch gutartige Kritiker verwiesen darauf, dass die jungen Menschen erst etwas Zeit bräuchten, um den Weg vom Netz auf die Straße zu finden.

Der Druck steigt

So organsierte Dipke und seine Unterstützer anschließend ein Protest Camp am Jantar Mantar Platz in Delhi, das sie dauerhaft mit mindestens 200 Aktivsten am laufen hielten. Vor drei Wochen schloss sich ihnen der bekannten Bürgerrechtler und Erfinder Sonam Wangchuk  an, der einen Hungerstreik begann. Gerade in der letzten Woche musste sich fast jeder Oppositions-Politiker Indiens bei Sonam einfinden und ihm und den jungen Protestlern seine Unterstützung aussprechen, da der Druck selbst auf die alte Garde der indischen (korrupten) Politik immer größer wurde, die jungen Menschen endlich ernst zu nehmen. Die forderten unter anderen den Rücktritt des Bildungsministers, wegen etlicher Skandale um Aufnahmeprüfungen für Universitäten, bei denen immer wieder die Testfragen an „zahlende Kunden“ weitergegeben wurden. 

Nur die Modi-Regierung machte es wie immer und kam den jungen Menschen nicht einmal einen Fingerhut entgegen – im Gegenteil: Mit Hilfe ihrer Medien wurde versucht den Protest totzuschweigen oder sich über die jungen Aktivisten lustig zu machen.

Selbst als am Montagmittag Bilder aus Delhi von prügelnden Polizisten durch ganz Indien gingen, behauptete die politischen Verantwortlichen noch, die Polizei hätte alles im Griff, ohne irgendjemanden geschlagen zu haben.

Schon am Wochenende begannen sich die Ereignisse am Jantar Mantar Platz zu überschlagen. Zuerst wurde Sonam gegen seinen Willen von der Polizei in ein Krankenhaus gebracht und dort von der Kommunikation mit der Außenwelt abgeschnitten.

 Dadurch erreichte die Modi Regierung das Gegenteil. Zuerst ging Dipke ebenfalls in einen Hungerstreik, dazu kamen immer mehr Menschen im Protest Camp an, immer mehr machten sich auf den Weg nach Delhi.

Was dann schon am Montag vor Mittag in Delhi los war, zeigte eine andere Szene auf dem regierungsfreundlichen Fernsehsender Wion entlarvend auf: Die Reporterin aus dem Studio fragte in arrogantem Tonfall ihre Kollegin die live vom Protestplatz Jantar-Mantar berichtete, wie die Stimmung so sei. Mit ernstem Gesichtsausdruck antwortete diese: „Nein, hier sind nicht nur ein paar hundert Protestler. Es sind auch nicht nur ein paar Tausend. Es sind zehntausende und auch ich habe den Überblick verloren, denn es werden immer mehr“.

Nebel von Tränengasgranaten

Nicht anders waren die Bilder an vielen Orten von Indiens Hauptstadt. Aufgeregt berichteten Reporter von Plätzen die Kilometer weit vom Protestort entfernt waren, dass auch hier tausende junge Protestler Parolen schreiend herumliefen. Dann erschienen Bilder vom Parlamentsgebäude in dem die Abgeordneten gerade ihre Monsunsitzung abhielten. Davor waren ebenfalls tausende Demonstranten zu sehen und Nebel von Tränengasgranaten.

Die indische Journaille gab Anschauungsunterricht, warum sie im Pressefreiheitsindex auf Platz 157 steht, und was passiert, wenn der Sensationsjournalismus von regierungsfreundlichen Privatsendern die Medien ersetzt. Wenn es ernst wird und der Bürger sie wirklich braucht, um sich zu informieren, sorgen sie nur dafür, dass alle noch verwirrter sind. Wird gerade versucht, das Parlamentsgebäude zu stürmen, wie vor Monaten in Nepal passiert? Oder hat die pakistanische Armee angegriffen? Der bisher ausschließlich von den indischen Leitmedien informierte Bürger, konnte sich in diesem Augenblick wohl alles vorstellen. Beim Kurzkrieg zwischen Indien und Pakistan im letzten Jahr brachten es indische Fernsehsender fertig, ihren Zuschauer zu erzählen, sie sehen Bilder vom zerbombten Hafen in Karachi (Pakistan) – dabei stammten die Bilder von einem Flugzeugabsturz in Philadelphia. Laut der gleichen indischen Medien hatte die indische Armee auch schon die pakistanische Hauptstadt Islamabad in Schutt und Asche gelegt.

Als jemand der 2019 drei Tage die großen Bauernproteste in Delhi besucht hatte, erkannte ich andere Sachen auf den Bildern aus Delhi. Die meisten Protestler verhielten sich einfach nur indisch und das meine ich als Kompliment: Sie sind Chaos und Desinformation gewohnt und machen gut gelaunt das Beste draus. Ob man nun am Ort des Protests gelandet ist oder nicht, ist nebensächlich: Mann und Frau vereint sich mit den anderen und macht spontan seine eigene Demonstration.

Was passierte, dass es zu diesem Chaos kam?

Die Modi-Regierung schien sich sicher, dass sie alle Vorkehrungen getroffen hatte, dass die Demonstration im Monsun-Regen untergehen wird. Zur Abschreckung wurden tausende Polizisten und paramilitärische Sicherheitskräfte postiert. Dazu Wasserwerfer. Auch wurden mehrere Reihen Absperrgitter um den Protestplatz gestellt. Dazu verweigerten die Behörden Delhis die Genehmigung für die Demonstration am Montag Abend. Ebenso wurde in Teilen von Delhi das Internet abgestellt, dazu Störsender um den Jantar Mantar Platz und vor dem Parlamentsgebäude installiert, damit die Demonstranten nicht mit einander kommunizieren konnten. Dann wurden 5 Metrostationen im Umkreis des Janta Mantar geschlossen. Doch die Massen an jungen Menschen auch an den Metro-Bahnhöfen ließen sich nicht stoppen: Teilweise lachend wurden die Polizisten zur Seite gestupst. Dann suchten sie sich ihren eigenen Weg. Einige marschierten sofort zum Parlamentsgebäude, sie wusste nicht, dass die Demo verboten wurde – Internet und Smartphones funktionierten ja nicht … . Darauf wurden die Polizisten sauer, dass da Protestler kamen, obwohl es ihnen strengstens untersagt worden war und schossen Tränengas in die Menge. Ein neutraler Beobachter mit rein „europäischem Auge“ könnte nur denken, Teil einer riesigen Comedy-Show zu sein – nach allem was bis zum späten Abend zu hören und zu sehen war, wurde den Demonstranten bescheinigt, beeindruckend friedlich gewesen zu sein. Gewalt ging vorwiegend von der Polizei aus .

Wie in der Überschrift beschrieben, ist heute in Indien keine Revolution passiert, sondern sie hat erst begonnen. Die jungen Menschen, die Mehrheit der indischen Bevölkerung, hat es erreicht, dass sie angehört wird: Die Modi-Regierung hat den „Kakerlaken“ ein Gesprächsangebot übermittelt.

Das wird nur der Anfang sein, jetzt wo die jüngeren Menschen in Indien gemerkt haben, dass sie Erfolg haben, wenn sie sich organisieren und auf die Straße gehen. Dazu wissen sie, dass es ein langer Weg sein wird. So vieles liegt in Indien im Argen, das zeigt ihnen auch gerade wieder der Monsun. Überschwemmte Großstädte, weil alles verdichtet wird und die Feuchtgebiete drum herum ebenso für mehr Beton vernichtet wurden und alleine in den Bergen Uttarakhands sorgte der erste Monsun-Starkregen in diesem Jahr für so viele Erdrutsche, dass 120 Straßen blockiert wurden .

Sehr viel schlimmeres wird auch in diesem Jahr noch folgen. 

Im Umweltindex liegt Indien, das bevölkerungsreichste Land der Erde, übrigens auf Platz 176 von 177 gelisteten Ländern. Das hilft vielleicht sich vorzustellen, wie viel in Indien alleine ökologisch im Argen liegt. Regelmäßig berichtet darüber in Deutschland eigentlich nur Thomas Berger in der Zeitung Junge Welt. Zudem grub er in einem seiner letzten Artikel eine Studie aus, die aufzeigt, dass nicht nur die indischen Flüsse vergiftet sind, sondern auch 70 Prozent der in Indien verkauften Milch gepantscht ist  – beide Artikel ohne Bezahlschranke! Geht doch junge Welt – vielleicht gehört diese Welt doch bald den Jungen, wen sie sich noch mehr von ihnen gesellschaftlich engagieren. 

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.