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Narzissmus an der Macht

Donald Trump ist der 45. PrĂ€sident der Vereinigten Staaten von Amerika. Seine erste Rede als PrĂ€sident war nicht nur die dĂŒmmste, die ein neuer US-PrĂ€sident in den letzten 80 Jahren gehalten hat. Sie sagt mehr ĂŒber die Politik, die von ihm zu erwarten ist, als er mit Worten auszudrĂŒcken fĂ€hig ist. In ihren Antrittsreden haben bisher alle ins Amt eingefĂŒhrten PrĂ€sidenten ihre VorgĂ€nger mehr oder weniger gewĂŒrdigt, weil sie die GrĂŒnder der USA verehrten und sich in der Reihe dieser Persönlichkeiten als ihre Nachfolger einreihten, und sich damit als Teil der demokratischen Tradition der US-Verfassung verstanden. Er hat seine VorgĂ€nger mit keinem Wort erwĂ€hnt. Wer wie Trump ein Bild von sich selbst pflegt, alles anders zu machen, vom Erfolg auserwĂ€hlt zu sein und es sich leisten zu können, andere straflos zu beschimpfen, zu diskriminieren und herabzuwĂŒrdigen, der hĂ€lt sich fĂŒr so außergewöhnlich, dass er sich natĂŒrlich nicht mit seinen normalen menschlichen VorgĂ€ngern in eine Reihe stellen kann.

Trump ist fixiert auf sich selbst und hat sich deshalb schon im Wahlkampf an seinen eigenen Beschimpfungen und TabubrĂŒchen, die ihm eine Form faszinierender Abscheu, vor allem aber allseitige Aufmerksamkeit einbrachten, aufgegeilt und berauscht. Er braucht offensichtlich diese Form der Selbstbespiegelung. Deshalb hat er in seiner Antrittsrede wieder auf “die kleine Clique der Politik” geschimpft, die sich angeblich auf Kosten “des Volkes” – mit dem er ausschließlich seine AnhĂ€nger meint – bereichert und es betrogen hat. Ob er damit nur die Administration oder auch den Kongress und das ReprĂ€sentantenhaus im Visier hat, hat er nicht gesagt. Aber er hĂ€lt sich auf jeden Fall fĂŒr legitimiert, sich ĂŒber “das Washington” zu erheben – was oder wen immer er damit meint. Wir werden in der Praxis sehen, wie weit er dabei zu gehen bereit ist. Wie er gegenĂŒber den republikanischen Senatoren und Abgeordneten vorgeht, wenn sie anderer Meinung sein werden, als er. Wie er gegen den Kongress, das ReprĂ€sentantenhaus oder das oberste Gericht vorgehen wird, wenn sie ihm nicht zu Willen sind. Er ist innenpolitisch zweifellos die grĂ¶ĂŸte Gefahr fĂŒr die Demokratie, die je den Sessel des US-PrĂ€sidenten erklommen hat.

Mit seinem “America First” Geblöke hat er nicht nur gezeigt, dass er von der Wirtschaft nichts versteht und kaum mehr kann, als rechtsextreme, nationalistische und faschistoide Parolen zu bedienen. Er scheint auch dazu zu neigen, sich eine eigene RealitĂ€t zu konstruieren. Trump lebt offenbar in dem Traum, die USA ökonomisch und politisch in die FĂŒnfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurĂŒckversetzen zu können. Und er glaubt, dass er allein die FĂ€higkeit dazu hat. Narzissmus bedeutet nach dem Psychologen Robert Cloninger, dass der Narziss aus einem ĂŒbersteigerten Selbstbild, einer Selbstidealisierung und einer ĂŒberzogenen SelbsteinschĂ€tzung handelt. Der Narzisst hat ein grandioses VerstĂ€ndnis der eigenen Wichtigkeit und glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein. Dazu kommt eine ĂŒbersteigerte Fremdabwertung im Sinne einer Verachtung und aktiven Herabsetzung von anderen – ein Kernbestandteil von Trumps Handeln seit Jahren. Damit einher geht eine tief in der Persönlichkeit liegende UnfĂ€higkeit zur echten Kooperation. Viele Narzissten zeigen eine Gier nach Bewunderung, ein Anspruchsdenken, sie verhalten sich gegenĂŒber ihrer Umwelt ausbeuterisch, unfĂ€hig zu echter Empathie, neidisch und arrogant. Der Narzisst kann sich fĂŒr kein höheres Ideal begeistern, außer fĂŒr sich selbst.

All diese Eigenschaften kennt die Öffentlichkeit von Donald Trump. Dieser Mann brĂŒllt, keift, schimpft, beleidigt – und wenn er einmal lacht, ist es zumeist Schadenfreude, Zynismus oder HĂ€me. Dahinter steckt eine armselige, verletzte, zu echtem Selbstbewußtsein unfĂ€hige, gekrĂ€nkte und sozial defizitĂ€re Persönlichkeit. Daraus resultiert seine Unberechenbarkeit. Da US-PrĂ€sidenten seit John F. Kennedy auch ihre Frauen und Kinder bei öffentlichen Auftritten prĂ€sentieren, ist ein Vergleich durchaus erlaubt. In ihrer Rolle als First Lady wirkt die 46-jĂ€hrige Barbie-Puppe Melania Trump neben dem mit blondierter Tolle Jugend simulierenden 24 Jahre Ă€lteren Greis Trump ebenso gekĂŒnstelt wie unsicher – ein personifiziertes Opfer von Trumps Sexismus. Welch ein Gegensatz zu eigenstĂ€ndigen Persönlichkeiten jeder Couleur neben ihren PrĂ€sidenten, ob Nancy Reagan, Barbara Bush, Hillary Clinton oder Michelle Obama! Wo die Kinder der bisherigen PrĂ€sidenten in der Öffentlichkeit mehr oder weniger unbeschwert auftraten, erregt die teilnahmslose, fast zombiehafte Miene des zehnjĂ€rigen Barron Trump tiefes Mitleid. Es gibt Fassaden, hinter die möchte man lieber nicht schauen.

Trump wird sich und seiner Charakterlosigkeit treu bleiben. Er wird nicht “vernĂŒnftig” werden, bloß weil er jetzt PrĂ€sident ist und er wird, weil er sich fĂŒr den Messias der Rettung eines Amerika hĂ€lt, das es schon jahrzehntelang nicht mehr gibt. Unberechenbar, jĂ€hzornig, zu allem Möglichen bereit, mag er fĂ€hig sein, bisher von den US-BĂŒrgern nicht erlebte Wege zu beschreiten, um die RealitĂ€t seinen eigenen bescheidenen Vorstellungen anzupassen. Er begreift die Welt in “Deals”. Und dealen wird er mit allen, die ihm geeignet erscheinen, um seinem persönlichen Narzissmus zu nutzen. Was das ist, wird er von Fall zu Fall entscheiden. Sobald sich zeigen wird, dass er keine Strategie, nicht einmal ein Konzept hat, kann das eskalieren. Vielleicht bis zum “roten Knopf” der Atomwaffen. Er hat im Wahlkampf gelogen, verleumdet beschimpft und getrickst. Warum sollte er das in der praktischen Politik Ă€ndern?

Das Untergraben der demokratischen Öffentlichkeit durch die UnterstĂŒtzung rechtsextremer Hetzmedien wie dem “Breitbart”-Portal und die UnterstĂŒtzung der europĂ€ischen Populisten Le Pen, Wilders, AfD oder Orban sind ihm durchaus zuzutrauen. Innenpolitisch wird er seine Methoden der WĂ€hlermanipulation durch die TĂ€tigkeit von “Cambridge Analytica” in Facebook und Twitter ebenso fortsetzen, wie die WĂ€hlermanipulationen durch seine Handlanger, die im letzten Jahr in vielen US-Staaten zehntausende angebliche “DoppelwĂ€hler” aus Wahllisten widerrechtlich streichen ließen oder in einigen Staaten fĂŒr die arme und schwarze Bevölkerung juristische HĂŒrden errichten, ihr Wahlrecht auszuĂŒben, wie z.B. die Vorlage beglaubigter Geburts- oder EinbĂŒrgerungsurkunden, um sich als wahlberechtigt registrieren zu lassen. Weil die hohen GebĂŒhren dafĂŒr sich viele Schwarze nicht leisten können. Und auch die Presse wird er weiter beschimpfen, vielleicht sogar ihre Freiheit einschrĂ€nken.

Außenpolitisch könnte er eine Wirtschaftsallianz mit Großbritannien und den LĂ€ndern anstreben, die er aus der EU herausbrechen möchte, um deren Zusammenhalt zu zerstören. Ungarn, Spanien oder Polen könnten seine Kandidaten sein. Mit Erdogan und Putin wird er sich prima verstehen. Europa sollte sich darauf einstellen, in der US-Regierung keine Freunde mehr zu haben, aber wir sollten dabei das demokratische Amerika, das uns vom Nationalsozialismus befreit hat und seine demokratischen BĂŒrger jeder Couleur nicht vergessen.

Dieser US-PrĂ€sident könnte nĂ€mlich auch etwas ganz anderes bewirken, das er sich selbst nicht in seinen kĂŒhnsten TrĂ€umen vorstellen kann: Die Wiedergeburt eines demokratischen, von BĂŒrgerrechtsbewegung und Graswurzelinitiativen getragenen, neuen US-Amerika. Eines Amerika, das multikulturell, bunt, feministisch, ökologisch, schwul, sozial und friedlich ist und die Freiheit und Mitmenschlichkeit neu definiert, durch die Demonstrationen und das Engagement von hunderttausenden Menschen. Das die Verfassung verteidigt, ausbaut und ein besseres Amerika durch sein demokratisches Engagement erkĂ€mpft. Über eine Million Menschen haben dies am Tag nach seiner AmtseinfĂŒhrung im ganzen Land demonstriert. Und das war hoffentlich erst der Anfang.

Dieser Beitrag erscheint auch bei rheinische-allgemeine.de

1 Kommentar

  1. Martin Böttger

    Zum gleichen Thema Narzissmus und Trump gibts heute lesenswerte AusfĂŒhrungen von Götz Eisenberg in der Jungen Welt:
    https://www.jungewelt.de/2017/02-04/052.php
    Und, wenig sensationell, könnte sein, dass seine Gattin das schon leid ist:
    https://www.heise.de/tp/features/Potus-ohne-Flotus-3617684.html

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