Sicherheit. Kaum ein Versprechen besitzt heute größere politische Mobilisierungs­kraft. Mit Sicherheit werden Kriege begründet, Grundrechte eingeschränkt, Grenzen geschlossen und Gefängnisse gebaut. Vor allem in Lateinamerika kommt die ungebremste Ausbreitung illegaler Akteure hinzu, die höchst gewalttätig agieren, Schutzgelder erpressen und die Bevölkerung einschüchtern.

Die Verunsicherung trägt zum Rechtsruck in der Region bei: Rechte bis rechtsextreme Regierungen sind in Lateinamerika im Aufwind, sie versprechen, mit harter Hand zu regieren, und suggerieren, damit der aktuellen Unsicherheitslage entgegenzutreten. Jüngstes Beispiel ist der ultra­rechte Abelardo de la Espriella, der am 31. Mai in der ersten Runde der kolumbianischen Präsidentschaftswahlen die meisten Stimmen holte. Der 47-jährige schwer­reiche Anwalt, der sein Geld mit der Verteidigung von Drogenhändlern und Paramilitärs verdiente, hat im Wahlkampf angekündigt, zehn Großgefängnisse zu bauen, mit harter Hand zu regieren und der Linken „die Eingeweide rauszureißen“. Er inszeniert sich als politischer Außenseiter im Stile von Nayib Bukele oder Javier Milei. Die beiden Präsidenten nutzen reale oder konstruierte Feinde (illegale bewaffnete Akteure, zu Terrorist*innen stilisierte indigene Aktivist*innen), um demokratische Errungenschaften wie das Demonstrationsrecht auszuhebeln und den Repressionsapparat auszubauen. Egal ob sie dabei Menschenrechte verletzen, zum Beispiel wenn in El Salvador Tausende unschuldige Jugendliche verhaftet werden. Jahrzehntelang war es unter Fachleuten Common Sense, dass Prävention und Rehabilitation die besten Antworten auf Kriminalität sind. Heute spielen diese Konzepte überhaupt keine Rolle mehr in der sicherheits­politischen Diskussion.

Stattdessen: „Securitization“, Versicherheit­lichung. Dieses unaussprechliche Wort bedeutet zunächst, dass ein Sachverhalt als Sicherheitsproblem wahrgenommen oder zu einem solchen gemacht wird. Die Theorie dazu lässt sich zum Beispiel bei Vertretern der Copenhagen School for Security Studies nachlesen. Oft spielen Medien eine nicht unwesentliche Rolle dabei, Bedrohungen herbeizureden. Siehe Thema Migration, oder ganz aktuell der schmutzige Wahlkampf in Kolumbien. Dann heißt es, es müsse dringend gehandelt werden, und das legitimiert außerordentliche, manchmal undemokratische Notfallmaßnahmen: Ausnahmezustand, Abriegelung der Grenzen, Hochsicherheitsgefängnisse, Militär auf den Straßen und so weiter.

Ja, die Welt ist unsicher, oder zumindest fühlen sich die Zukunftsaussichten bedrohlich an. Das liegt aber nicht (nur) am Zusammenbruch der einst vom Westen dominierten Weltordnung, sondern auch am massiven Sozialabbau allerorten. Die neue Härte regiert. Was nach außen der Aufrüstungswahnsinn, ist nach innen die Versicherheitlichung.

Politische und militärische Eliten sind die wichtigsten, aber nicht die einzigen Akteure der Versicherheitlichung. Geheimdienste übernehmen eine immer wichtigere Rolle für die nationale militärische Sicherheit, insbesondere angesichts von Bedrohungen wie dem innerstaatlichen und internationalen Terrorismus. Private Sicherheitsfirmen wie Prosegur sind dick im Geschäft. Aber auch Mafiagruppen, Banden, organisiertes Verbrechen oder nach Autonomie strebende Bewegungen können eine Autorität erlangen, die die Bevölkerung als legitim wahrnimmt. Dadurch können sie als sicherheitspolitische Akteure agieren.

Das aktuelle ila-Dossier zeigt, wie dieses Narrativ funktioniert, aber auch, wo sich kluge Köpfe und Aktivist*innen gegen diese versicherheitlichende Praxis wenden. Schließlich produziert sie letztlich das, was sie vorgibt zu bekämpfen: Unsicherheit.

Dieser Beitrag ist das Editorial aus ila 496 Juni 2026, hrsg. von der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Mit ihrer freundlichen Genehmigung übernehmen wir in den nächsten Tagen einzelne Beiträge zu diesem Thema.

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