Der Einsatz sogenannter künstlicher Intelligenz im Kreativbereich ist schambehaftet und wird in der Regel argwöhnisch beäugt. Dabei zählt am Ende die Qualität eines Werkes – und die müssen wir erst einmal erkennen.

Kaum jemand entkommt den Heilsversprechen oder auch apokalyptischen Prophezeiungen rund um sogenannte künstliche Intelligenz. Sie gilt wahlweise als Booster für Wirtschaft und Forschung oder als Killer für Klima und Kultur. Bislang bewegt sie vor allem die Portfolios von Aktienanlegern.

Als jüngst ein betagter Journalist ganze Texte mit einer KI generieren ließ, war die Empörung groß. Sofort mahnten besorgte Kollegen: Die KI nehme uns das Denken ab. Denken sei aber gesund. Ergo verdumme uns die KI – wir sterben früher! Teilnehmer eines Workshops für kreatives Schreiben beichteten, dass sie heimlich KI für eine Schreibaufgabe nutzten. „Manche gestanden es tränenreich und sogar voller Selbstekel“, heißt es. Andere Medienmacher ergriffen die Gelegenheit beim Schopfe, um sich und ihre Arbeit heiligzusprechen: Das eigene Unternehmen solle „ein Fest für Menschen von Menschen“ bleiben.

Auch im künstlerisch-kreativen Bekanntenkreis rümpft man standardmäßig die Nase, wenn es um das Thema KI geht. Auf Nachfrage stellt sich aber doch heraus, dass die meisten in der einen oder anderen Form mit Chatbots arbeiten. Die Musikerin holt sich Inspiration für ihre Songs, der Autor für seine Texte. Und für Verwaltungsaufgaben geht es oftmals gar nicht mehr ohne: Der Start-up-Gründer rechnet seine Excel-Tabellen „mit Chat“ durch. Und der befreundete Software-Entwickler nutzt täglich Claude.

Die Frage sollte deshalb längst nicht mehr „Warum KI?“, sondern „Wie KI?“ lauten. Denn am Ende zählen doch bekanntermaßen Qualität und Aussagekraft eines Werkes sowie der ökonomische Nutzen für den Anwender.

Alles nur geklaut

In der Kulturkritik ist der größte Vorwurf an die KI ihre fehlende Originalität. Denn alles, was ein Chatbot produziert, sei ja nur geklaut. Das stimmt gewissermaßen. Aber genau genommen gab es Billigware, Ideenklau, Propaganda und Schwindeleien auch schon lange zuvor, mit und ohne Computerunterstützung.

So ist die meistverkaufte 12-Inch-Single aller Zeiten und einer der prägendsten Songs der 80er auch „geklaut“: „Blue Monday“ von New Order. Die Band hatte das Lied aus vielen kleinen Soundschnipseln anderer Musiker zusammengebaut, wie der YouTuber „Creating Music and Sound“ in einem Video hervorragend erklärt. New Order nutzte dafür sogar ein Sample von Kraftwerk.

Auch der deutsche Produzent Moses Pelham hat Kraftwerk gesampelt. Pelham schnitt zwei Sekunden aus Kraftwerks „Metall auf Metall“ und legte sie als Dauerschleife unter „Nur mir“, produziert für die Rapperin Sabrina Setlur. Kraftwerk klagte. Seit 1999 streiten die Kontrahenten vor Gericht. Abseits einer rechtlichen Beurteilung zeigt die unterschiedliche Verwendung der beiden Kraftwerk-Stücke, dass es auf die Idee hinter dem Sampling ankommt.

Mehr als die Summe aller Teile

Pelhams Sampling erfüllt keine wirkliche Funktion, in „Nur mir“ erscheint es wahllos und austauschbar. Anders ist das bei New Order und „Blue Monday“. Die vielen verschiedenen, genial zusammengesetzten Elemente werden in der Summe zu einer mächtigen „Wall of Sound“. Durch die besondere Idee und das handwerklich ausgezeichnete Arrangement entsteht ein gänzlich neues Werk, das über seine Einzelteile hinauswächst und bis heute fasziniert.

Eine KI schafft es dagegen nicht, eigenständig über die Summe der verfügbaren Daten hinauszugehen. Für diesen letzten und essenziellen Schritt braucht es den ideenreichen Anwender. Gerade deshalb sind Wertschätzung für Qualität und der Blick auf den Kontext von Inhalten in einer von Massenproduktion bestimmten Zeit so wichtig.

Die Entwicklung von Geschmack und Medienkompetenz wird damit zum wichtigen Mittel im kulturellen und politischen Umgang mit einer zunehmend vermüllten Welt. Zugegeben eine äußerst schwierige Aufgabe in Zeiten der Dauerablenkung. Dabei sind die qualitativen Unterschiede von KI-Content gewaltig.

Der entscheidende Unterschied

Einerseits begeistern viele Content Creator wie „Gossipgoblin“ oder „Demonflyingfox“ sowie der Künstler Jon Rafman rasant wachsende Fan-Gemeinden mit durchdachten und unterhaltsamen KI-Inhalten. Andererseits fluten banale Aktivisten, Propagandisten und Meme-Macher das Netz mit KI-generiertem Schund. Zu den unzähligen Negativbeispielen gehören menschenverachtende Videos von Donald Trump und die „Musik“ des rechtsradikalen KI-Avatars Danny Bones, dessen Macher die erfundene Figur als Dreckschleuder für ihre politischen Parolen benutzen.

Ob politische Hetzer oder feinsinnige Künstler – sie alle nutzen dabei dieselben Werkzeuge. Hinter den einen Inhalten stecken betrügerische Geschäftsinteressen und hinterhältige Propaganda, hinter den anderen der Wille, Mitmenschen nachhaltig zu bewegen und zu inspirieren. Die Werte von Produzenten und Konsumenten machen schließlich den entscheidenden Unterschied.

Handarbeit bleibt Handarbeit

Vor knapp einhundert Jahren verteilten der Deutsche Musiker-Verband und die Internationale Artisten-Loge ein Flugblatt gegen den Tonfilm. „Tonfilm ist Kitsch“, stand in dicken schwarzen Buchstaben darauf. „100% Tonfilm = 100% Verflachung.“ Die neue Technik sei „wirtschaftlicher und geistiger Mord“. Wer Kunst und Künstler liebe, lehne den Tonfilm ab. Hinter dem Flugblatt standen die Kinomusiker – sie begleiteten damals Stummfilme live im Saal. Durch den Tonfilm verloren sie ihre Arbeit und das Kino seinen ursprünglichen Charakter.

Die Kritik am Tonfilm scheint heutzutage seltsam abstrakt, auch wenn seitdem tatsächlich eine gewisse Verflachung des Kinos eintrat und das Aussterben der Live-Musiker in den Sälen tragisch ist. Der Fortschritt durch neue Technologien hat immer einen hohen Preis. Dennoch entsteht neben der Massenware der zeitgenössischen Unterhaltungsindustrie bis heute sehr viel Schönes auf den Bildschirmen.

Die KI nimmt uns geradezu in die Pflicht, unsere Sinne zu schärfen und ganz genau hinzusehen, um am Ende die Qualität eines Werkes besser wertschätzen zu können. Gute Handarbeit, auch mit Unterstützung einer Maschine, bleibt gute Handarbeit.

Vincent Först arbeitet als Redakteur und Autor. An der Universität der Künste lehrt er Texttheorie- und Textgestaltung. Wenn er nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt, organisiert er Kulturveranstaltungen in Berlin. Kontakt: Instagram, Mastodon, Bluesky. Dieser Beitrag ist eine Übernahme von netzpolitik, gemäss Lizenz Creative Commons BY-NC-SA 4.0.