Digitaler Wochenrückblick, 16. August 2026

Es reizt nochmal richtig Kino zu erleben, also Film statt Digitalprojektion. Aber nicht irgendein Film und nicht irgendein Kino, es muss „Die Odyssee“ sein, der aktuelle Film des Christopher Nolan. Vollständig gedreht im 70mm IMAX-Format, Seitenverhältnis 1,43:1 und undigitalisiert ausschließlich in Prag, Brüssel und Montpellier zu sehen. Nur dort stehen die letzten echten Filmprojektoren, kein Wunder, diese Imaginatoren werden seit 50 Jahren nicht mehr gebaut.

Die Odyssee“, ein gewaltiges Heldenepos, das Homer zugeschrieben wird. In 24 Gesängen werden die abenteuerlichen Irrfahrten des Odysseus beschrieben, es fehlt nichts, was ein wahres Kinoerlebnis ausmacht: Liebe, Saufgelage, Niedertracht, Krieg, Naturgewalten und sagenhafte grässliche Monster. Das alles eingepresst in 172 Minuten IMAX-Film. Gedreht an Originalschauplätzen rund um die Welt, durchweg mit bekannten Schauspielern besetzt. Geld spielte keine Rolle, denn dieses Werk klingelt nicht nur an den Kinokassen, sondern rauscht durch die verschiedenen Vertriebskanäle flüssig zurück, no risk. Nicht zuletzt wird der Wert durch die huldigenden Ankündigungen gesteigert:

Das bildgewaltige Epos wurde mit brandneuer IMAX®-Technologie (hüstel…) an spektakulären Schauplätzen auf der ganzen Welt gedreht und ist der erste Spielfilm überhaupt, der vollständig mit IMAX-Kameras entstanden ist. Das Ergebnis ist ein Kinoerlebnis, das speziell für IMAX geschaffen wurde.“

Das muss ich sehen“, sagt einer meiner Söhne, bucht für uns zwei Plätze in Brüssel (die haben die größte Leinwand!), in der Mitte, im vorderen Drittel – da entgeht uns nichts. Wunderbar!

Um zu verstehen, wie dieses Genre funktioniert, ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich, zum Beispiel in
The Brain That Wouldn’t Die“ von 1962, exklusiv auf vole.wtf zu sehen. Bei Monstern und Horror kommt Nervenkitzel auf, die Enthauptung der Freundin lässt den Freund, einen ambitionierten Arzt, nicht ruhen, sondern experimentieren. Dieser Film brauchte kein großes Budget, die notwendigen Filmeffekte konnten durch eine praktische Regie und geschickt gesetzte Schnittfolgen vollständig umgangen werden. Absolut sehenswert (nur Mut)!

Ähnlich in „It Conquered The World“ (1956), hier bringt ein Wissenschaftler ein außerirdisches Monstrum von der Venus zu uns, es soll die Menschen von Gefühlen und Emotionen befreien. Der Plot endet meisterhaft in Tod und Verderbnis. Der dramatische Höhepunkt auf youtube . Dieses Werk regte Frank Zappa zu seinem Stück „Cheepnis“ an, in dem er offen gesteht „I love monster movies“ und wohlmeinend hinzufügt „I simply adore monster movies, and the cheaper they are, the better they are. And cheepnis in the case of a monster movie has nothing to do with the budget of the film, although it helps.“

Letzteres war der Odyssee nicht beschieden, hätte ihm aber gefallen können! Die Kinoleinwand wurde zum Dauerspektakel degradiert. Aus den 24 Gesängen reihte sich ein dramaturgischer Höhepunkt an den nächsten, fulminant künstlerisch gekürzt und für das Kino angepasst, pausenlos – nur unterbrochen von Liebesbekundungen der Protagonisten. Das waren die einzigen Stellen, die nicht vom Bassgrummeln im Sessel getragen waren. Die dynamikreichen menschlichen Stimmen überzeugten die Produzenten nicht, sie komprimierten es auf ein deutlich erhöhtes Mittelmaß, alles gleich laut, ob laut oder leise.

Der monumentalen Größe dieses Filmes angemessen, unterlegten sie auch kleine Szenen in den Hallen wirkungsvoll mit der Geräuschkulisse eines vollbesetzten Fußballstadions, mehr geht nicht.

Dem nicht genug, wurde jede kleine Geste mit kraftvollen Geräuschen aufgewertet. Pferde, die am Strand durch nassen Sand liefen, erfreuten sich einer Soundkulisse wie bei einer Hubschrauberlandung. All das diente dazu, den Zuschauer von der Dramatik zu überzeugen, die da kommt. Und die kam, immer und immer wieder. Die Story von Homer steigerte sich im Film von Beginn an, wie ein Erdbeben und jagte den Höhepunkten der Irrfahrt des Odysseus unablässig hinterher. Von Höhepunkt zu Höhepunkt, bis zum Höhepunkt, als der Höhepunkt zu noch einem Höhepunkt wurde.

Der Film gipfelte in einem weiteren Höhepunkt, in dem Odysseus, verkleidet als Bettler, all seine dekadenten Widersacher im Kampfe niederringt. Vor meinem geistigen Auge sah ich diese Szene meisterlich inszeniert, eine der großen Leinwand angemessene lange ungeschnittene Szene, in der alle schauspielerische Leistung im Kampf erglüht, mein Auge im Bild von links nach rechts wandert, von oben nach unten, um nichts zu verpassen, und ich mich der Lust eines echten Kinoerlebnisses hingebe.

Zugunsten weiterer Verwertungswege konnte auf eine aufwendige Umsetzung auch dieses Höhepunktes verzichtet werden. Inszenierung und schauspielerische Leistung beschränken sich auf zusammenhanglose Sekundenschnipsel, die beliebig Blut spritzen lassen können. Rasend schnell geschnitten, auf einer Riesenleinwand regt es solide Schwindelgefühle an, viel besser ist es auf einem Smartphone oder kleinen Fernseher/Monitor zu sehen.

Zumal der Film so elegant hingewuchtet wurde, dass er oben wie unten problemlos beschnitten werden kann und unbedenklich im Format 16:9 irgendwie glänzt, ganz ohne IMAX.

Das war ganz großes Kino! Wie alles, was die Nordamerikaner mit Geld machen: Es wird noch viel größer und spielt noch mehr Geld ein.

Hat hier jemand gerade KI gesagt? Teufel aber auch…

Über Christian Wolf:

Avatar-FotoChristian Wolf (M.A.) ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geografie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digitalpurist/IT-Blasphemiker)