Zum Angriff Russlands auf Deutschland – Schluss mit der Eskalation. Wir müssen reden.
Russland habe Deutschland angegriffen. Das ist die politische Botschaft, die im Ergebnis des „Drohnenvorfalls“ vom Flughafen Leipzig in die deutschen Köpfe gehämmert wird. Der Leiter des ARD-Studios Berlin erklärte, alles sei geschehen weil Russland in der Ukraine nicht vorankomme und sich frage, wo denn das „Hinterland“ der Ukraine liege. Womöglich in Leipzig? Das habe er so gehört. Weiß Herr Preiß, was er da sagte?
Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des EU Parlaments, Strack-Zimmermann, fand es an der Zeit, „Russen rauszuwerfen“. Immerhin redete sie nicht darüber, so wie Martens (FAZ), mehr Russen zu töten. Der CDU Abgeordnete Kiesewetter kam wieder auf den Taurus zurück. Er rechnete „mit weiterem Terror Russlands und kriegerischen Maßnahmen wie Sabotage, gezielten Morden und Terroranschlägen auch in Deutschland.“
Eine Ente
Das „Lagezentrum von BILD” erklärte, warum bei dem Vorfall von Leipzig alles für Russland spreche: Kurz, warum “Putins Spur nach Leipzig führt“. Dafür gebe es sieben Indizien. Summa summarum bemühte der BILD-Journalist den US-amerikanischen Spruch: Wenn es so aussieht wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente oder quakt wie eine Ente, dann sei es höchstwahrscheinlich auch eine. Im Eifer des Gefechts entging ihm, dass im medialen Kontext eine Ente, un canard, auch für Schwindel oder Falschmeldung steht.
Deutschland ist derweil unterwegs auf Suche nach Unterstützung seiner Interpretation im Rahmen der EU und der NATO. Nicht vergeblich. Sowohl die EU-Chefdiplomatin, Kaja Kallas, als auch der Nato-Generalsekretär, Mark Rutte, versicherten unserem Land volle Solidarität. Es gelte: „Wir werden den Druck auf Russland nicht nur aufrechterhalten. Wir werden ihn erhöhen.“
Der Film, “Die Feuerzangenbowle“ präsentierte einen wundervollen Lehrer, der seinen Schülern zur Erkenntnis verhelfen wollte, indem er ihnen vorschlug, sich erst einmal ganz dumm zu stellen, was bei der Suche nach Erkenntnis nicht der schlechteste Ratschlag ist. Stellen wir uns also mal ganz dumm und fragen nach Motiv, Gelegenheit und Mittel, dem berühmten Dreisatz in jedem Verbrechen. Und natürlich danach, wem was nützt.
Welches Motiv könnte Russland haben, einen (missglückten) Drohnenangriff auf den Leipziger Flughafen zu starten, auf dem ukrainische, sowjetstämmige Antonow-Flugzeuge parken, die rein kommerziell unterwegs sind? Schädigung der Geschäftsinteressen, mutmaßte BILD. Deutschland als „Hinterland“ der Ukraine, mutmaßte ein ARD-Journalist. Damit sprach dieser wenigstens aus, dass Deutschland in diesen Krieg verdeckt längst involviert ist. Aber ein missglückter Schlag gegen sowjetstämmige Antonows? Haben die Russen keine Fantasie? Oder “no beef” with Rheinmetall und Co.?
Das Kreuz mit der russischen Aggressivität – sie kriegt nichts gebacken
Schon wieder haben wir es mit einem mutmaßlichen russischen Anschlag zu tun, der heimtückisch ist, professionell geplant worden sein soll, und dann, wie es der Himmel so wollte, völlig in die Hose ging. Ja, das ist das Kreuz mit der russischen Aggressivität – sie kriegt nichts gebacken. Ganz neutral betrachtet ist sie eine Lachnummer.
Zur Gelegenheit: Der Leipziger Flughafen ist eine sogenannte „kritische“ deutsche Infrastruktur. Er hat eine Ausstattung zur Überwachung von Drohnen, jedenfalls laut KI. Diese Überwachung soll umgangen worden sein. Wie das die angeblichen „low-level-Agenten“ anstellten, wissen wir nicht. Gab es einen „Dritten“, einen/ eine, der das Funktionieren der Drohnenüberwachung von Leipzig vorab verriet? Oder ist das genutzte System wiederum so bekannt, dass man von Geheimhaltung gar nicht reden kann?
Glücklicherweise fanden die deutschen Ermittler Fingerabdrücke und Tatmuster und konnten sie zwei russisch-stämmigen Verdächtigen zuordnen, die schon anderswo, darunter in Polen 2024, auffällig geworden sein sollen. Wie schafften diese Personen es, allesamt angeblich mit russischen Pässen ausgestattet, ein deutsches Visum zu ergattern? Lassen wir Krethi und Plethi in unser Land? Gab es keinen EU-Haftbefehl, von Polen ausgestellt? Statt Russen rausschmeißen zu wollen, stellt sich doch wohl eher die Frage, wen Deutschland reinließ und warum?
Die Frage nach den Mitteln ist am schwierigsten zu beantworten: Beim besagten Beweisstück einer Drohne versagte offenbar die Kamera. Das Bild ist nicht scharf. Aber, da gibt es noch den Sprengstoff, genauer gesagt sollen bei dem Anschlag zwei verschiedene Sprengstoffe benutzt worden sein. Laut BILD soll es sogar eine Explosion gegeben haben. Explosionspuren seien gefunden worden. Was ist los in Leipzig? Da soll was explodiert worden sein auf dem Gelände, und keiner registrierte es?
Bis ein Bus-Fahrer zufällig eine Drohne fand, mit einer Konservenbüchse voller Sprengstoff bestückt? Und wie lautete die deutsche Argumentation zum festgestellten.Sprengstoff? Es war nicht nur einer. Zwei sollen es gewesen sein.
Im “Ostblock” entwickelt
Einer wurde einst durch die Tschechoslowakei im „Ostblock“ entwickelt und ist – wie könnte es anders sein – daher quasi russisch. Der andere wiederum hat eine bekannte militärische Verwendung und ist ergo – Sie ahnen es schon – ein Beleg für eine staatliche russische Verantwortung, in der Kurzfassung: Putin.
Warum in einer Operation mit zwei verschiedenen Sprengstoffen hantiert worden sein soll, ist allenfalls etwas für spitzfindige Intellektuelle. Denn, wie könnten es unter solchen Umständen die Ukrainer gewesen sein? Die arbeiteten, so die Bundesstaatsanwaltschaft in Sachen NordStream, strikt mit nur einem Sprengstoff und begingen ein Kriegsverbrechen gegen unser Land. Wir haben also, nüchtern betrachtet, das Problem, dass laut Bundesanwalt unser Land in Sachen NordStream Opfer eines mutmaßlichen Kriegsverbrechens wurde, das mutmaßlich staatlich orchestriert war (in dem Fall durch die Ukraine). Das änderte allerdings nichts an der deutschen Position, auf Gedeih und Verderb die Ukraine zu unterstützen
Staatlich gebilligte Indizienkette
Andererseits haben wir einen Drohnenvorfall in Leipzig, mit einer staatlich gebilligten Indizienkette, einschließlich verschiedener Sprengstoffe, die nach Russland führt, verbunden mit der politischen Schlussfolgerung, dass unser Land von Russland angegriffen wurde. Wie gut, dass dieser Angriff nicht klappte. Aber nun ist Vergeltung seitens Deutschlands angesagt.
Ich kann nicht erkennen, dass dadurch ein Mehr ein Sicherheit entsteht. Oder durch markige Rufe nach dem Taurus.
Es mag sein, dass ein paar Leute in unserem Land darin keinen Widerspruch und also auch kein logisches Problem erkennen. Ich allerdings hätte mir schon ein bisschen mehr an Kreativität gewünscht, ein bisschen mehr an britischer finesse. Denn das Drehbuch ist zum Gähnen bekannt: Keine gemeinsamen Ermittlungen,, sprich Zugang Russlands zu Ermittlungen, keine unabhängige internationale Untersuchung.
So hängen wir fest auf dem Niveau: Es war ganz gefährlich, aber glücklicherweise doch nicht. Nun aber, zur Vergeltung, werden wir es den Russen schon zeigen. Dass seit Jahren die Eskalationsverantwortung in diesem Krieg, den Russland begann, auf westlicher Seite liegt, wird völlig negiert.
“Ausdruck europäischer Selbstbehauptung”
Dabei sprach der Bundeskanzler die „Schattenkriegsführung“ der Nato im Ukraine-Krieg auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 selbst an: „Wir haben Moskau ungeahnte Verluste und Kosten aufgezwungen. Wenn Moskau endlich einem Frieden zustimmt, dann auch deshalb. Das ist Ausdruck europäischer Selbstbehauptung.“
Ist das so? Selbstbehauptung durch Strangulierung des Gegners, der auf „ewig“ gesetzt ist? Kann das klappen gegen eine Nuklearmacht, die sich mit uns den Kontinent teilt?
Kürzlich kündigte Selenskyj an, dass der Luftraum für die zivile russische Luftfahrt nicht mehr sicher sein wird, ukrainische Drohnen den Himmel beherrschen werden. Das wird schweigend und damit billigend zur Kenntnis genommen. Sind wir noch bei Trost? Wie wird die Bundesrepublik wenigstens sicherstellen, dass keine deutschstämmigen Drohne mit dem Ziel der Gefährdung der Zivilluftfahrt in Russland eingesetzt werden? Oder die Datenlieferung unterbinden? Weit gefehlt, wenn man Medienberichten glaubt.
Das wäre kein isolierter terroristischer Akt wie Lockerbie, den BILD erwähnte, kein versehentlicher Abschuss, was es in der Vergangenheit leider auch immer wieder gab. Es wäre Mord mit Ansage, durch den Krieg angeblich legitimiert.
Dabei präsentierte sich die Ukraine auch noch sorgenvoll. Wir warnen ja. Selber schuld, wenn man nicht auf uns hört. Selber schuld, wenn Russland seinen Luftraum nicht sperrt. Da sieht man einmal mehr, dass den Russen Menschenleben nichts gelten. Wenn ich mich recht erinnere, war es die Ukraine, die 2014 trotz der Kämpfe im Donbas ihren Luftraum nicht sperrte. Dann kam es zur Tragödie des Fluges MH 17.
Man mag sich gar nicht vorstellen, was folgen könnte, wenn auch nur ein ziviles russisches Flugzeug vom Himmel geholt werden würde. Jeder weiß, dass die Ukraine allein nicht in der Lage ist, die Drohnen zielsicher zu führen. Jeder weiß, dass das „Hinterland“ ihr die Bauteile liefert. Es wäre eine unerträgliche Eskalation.
Aber offenbar leben wir in verzweifelten Zeiten, die verzweifelte Maßnahmen nach sich ziehen.
Am 28. August 2026 räumte Budanow (derzeit Leiter der ukrainischen Präsidialverwaltung) ein, dass die Ukraine pro Monat mindestens 30.000 Soldaten neu rekrutieren muss, um die Zahl der Frontkämpfer aufrechtzuerhalten. Wörtlich: “We cannot mobilise fewer than 30,000 people a month. This is the minimum number needed to maintain what we have,” he said.
Wie viele Verluste an der Front hat demzufolge die Ukraine im Monat? Nicht weniger als 30.000.
Soviel von der Ukraine retten, wie noch zu retten ist
Freedman, emeritierter Professor am Kings College in London schrieb in einem Artikel in Foreign Affairs 2023: „Furthermore, a Russian victory would be a geopolitical catastrophe for NATO, posing the far greater risk of an all-out war between the alliance and Russia. Better that Russia is pushed back by Ukraine, with its army degraded in the process.” Übersetzung: “Darüber hinaus wäre ein russischer Sieg eine geopolitische Katastrophe für die NATO und würde das weitaus größere Risiko eines totalen Krieges zwischen dem Bündnis und Russland mit sich bringen. Besser wäre es, wenn Russland von der Ukraine zurückgedrängt und seine Armee dabei geschwächt würde.”
So, wie Freeman sich das idealerweise vorstellte, läuft es ganz und garnicht. Es ist allerhöchste Zeit, die Augen aufzumachen, das sinnlose Töten zu beenden und soviel von der Ukraine zu retten, wie noch zu retten ist.
Es ist höchste Zeit für Gespräche mit Russland, um einen Ausgleich zu suchen. Sonst marschieren wir in den von Freedman beschriebenen großen Krieg. Man hat allerdings den Eindruck, die politischen und medialen Eliten können ihn nicht schnell genug bekommen, und, dass sie, zu allem Unglück, auch noch von einem Sieg träumen.
Lawrow unterstellt Merz falsches Zitat
Es gibt einen sehr konkreten Anlass, warum es den Dialog mit Moskau dringend braucht. Kürzlich, in Wladiwostock, sprach der russische Außenminister davon, dass der Bundeskanzler, gesagt habe, er wolle die Bundeswehr wieder zur größten konventionellen Armee in Europa machen. Lawrow sei entsetzt gewesen über dieses „wieder“. Tatsächlich hat das der deutsche Bundeskanzler nach meinen Recherchen zu keinem Zeitpunkt gesagt. Die Welt recherchierte das ebenfalls nach.
Man kann das natürlich als gemeine russische Attacke ansehen, als Teil russischer Desinformation. Was aber, wenn Lawrows Ansicht auf einem Missverständnis, beruht? Vernünftige Politik müsste versuchen, erstens herauszufinden, was den russischen Außenminister zu dieser Aussage bewegte und zweitens, sich um Klarstellung bemühen. Er lag in diesem Punkt falsch. Natürlich würden auch wir bei einem solchen Dialog auch nicht nur Angenehmes zu hören bekommen. Aber Sprechen ist einem Austausch von Drohungen oder gar einem Schusswechsel immer vorzuziehen.
Dazu braucht es keinen militärischen Schneid, sondern diplomatische Klugheit. Sonst verfestigen sich Sichtweisen, die ihre eigene politische Dynamik entfalten. Es reicht schlicht nicht aus, zu sagen: Wehret den Anfängen. Darüber sind wir längst hinaus.
Wir müssen reden.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt.

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