Es gibt keinen Grund für Mutlosigkeit

Tausende Menschen in Anzügen und Kragenhemden laufen am Abend auf der Ringstraße in Delhi – ab und zu lässt sie ein hupendes Auto zur Seite hüpfen. Nein, keine Demonstration: Es ist die geistige Elite Indiens plus Delegationen aus 100 Ländern, die einen weiteren langen Tag auf dem KI-Gipfel 2026 hinter sich haben und nun ungewollt ein paar Kilometer zum nächsten Taxi spazieren müssen.

Die Straßen wie die Metro sind gesperrt, aus Sicherheitsgründen, denn gleichzeitig findet das 18. Treffen der BRICS-Staaten dieses Mal in New Delhi statt .

Symbolhafter kann nicht gezeigt werden, was auch die politischen Verantwortlichen in Indien von ihrer Bevölkerung halten: Wie die 35 Millionen Einwohner im Großraum Delhi und ihre zahlreichen Gäste einen ganz normalen Arbeits-Freitag ohne Transportmittel über die Bühne bekommen, scheint offensichtlich nicht zu interessieren.

Es ist also nicht anders wie in Berlin, wenn Wolodymyr Selenskyj spontan die deutsche Hauptstadt besucht und Regionalbahnen einen halben Tag vor Berlin warten müssen, ohne dass den Passagieren gesagt wird, wie und wann es weitergeht. Die für Berlin so wichtige Ringbahn und andere wichtige Nahverkehrsstrecken, wie Straßen werden selbstverständlich auch spontan gesperrt .

Die Begründung in Delhi und Berlin sind immer die Sicherheit, doch dass diese wichtig ist, zweifeln die meisten Bürger gar nicht an. Aber in Indien gibt es für solche Politikertreffen die Stadt Ahmedabad, und das wurde schon einige Male bewiesen.

 Auch in Deutschland gebe es unzählige andere Orte, ohne das der eh schon schwere Alltag von Millionen Menschen noch eine miese Kirsche oben drauf bekommt.

Ich muss immer schmunzeln, wenn auf deutschen Politik-Onlinemagazinen das BRICS-Bündnis so gepriesen wird und als überfällige Alternative zu den alten Bündnissen des Westens gehuldigt: 7 der 10 Mitgliedländer versuchen es nicht einmal mit Demokratie und sperren Kritiker widerspruchlos weg, oder zerkleinern sie, bis sie in einen Koffer passen. 

Ohne das Chaos auf den Straßen hätte kaum ein Bürger in Delhi mitbekommen, dass ein BRICS-Gipfel in ihrer Stadt stattfindet: Im Gegensatz zum G-20 Gipfel im September 2023, den die Modi-Regierung mit einer großen Werbekampagne zur Eigenwerbung nutzte, wurde das aktuelle BRICS-Treffen quasi Tod geschwiegen .

So wie in Deutschland gerade nicht Ost gegen West ausgespielt werden darf, weil es nur den Falschen hilft, sollte sich niemand verleiten lassen, aus berechtigtem Ärger über den Westen in dem er lebt, etwas hochzuhalten wie die BRICS. Denn auch in den Ländern, die es noch mit Demokratie versuchen, steckt das gleiche drin: Neoliberalismus. Auch in Indien hat die finanzielle Ungleichheit laut Oxfam einen historischen Höchststand erreicht.

Bildung ist privatisiert

Weit über 70 % der Colleges und der Großteil der Universitäten in Indien befinden sich heute in privater Hand. Die indische Jugend steht mit Sicherheit gerade nicht auf, um Russland, Saudi-Arabien, China oder den Iran zu kopieren. Die Forderungen und Wünsche der jungen Menschen ähneln eher an einen Westen, der mehr von dem umsetzt, als er vorgaukelt.

 Populisten werden hier und da gewählt, ohne dass es der Masse der Bevölkerung besser geht. Der Ausländer, oder in Indien der Muslim, sind schon als Sündenbock ausgelutscht worden, so wird dem Wähler nun ganz unverfroren Geld angeboten, dass er den Populisten noch einmal wählt: Mit dieser Idee war Indien sogar schneller als Donald Trump, auch mit dem Schachzug unliebsame Wähler von den Wahllisten zu streichen.

Ja, wer nach Indien schaut, kann mittlerweile kurz- und mittelfristig die Zukunft sehen. Auch was die Taktik der AfD angeht, haben die Hindunationalisten es vorgemacht: Narendra Modi wurde als seriöses Feigenblatt aufgebaut und verkauft – der Mann der sich vom Teeverkäufer zum erfolgreichen Unternehmer hochgearbeitet hat. Doch hinter Modi steht die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die nach dem Vorbild von Benito Mussolinis Faschisten aufgebaut wurde. Sie wollen ein Indien, das den Hindus gehört und alle anderen haben sich ein- und unterzuordnen. Modi und die Regierungspartei BJP sind nur Spielpuppen – selbst wenn beide abstürzen, wird die RSS und ihre Ideologie weiterleben. Wie in der Vergangenheit nach der Ermordung Mahatma Gandhis von einem RSS-nahen Täter, wird sie sich wie ihre Anhänger nur etwas kleinlauter verhalten und auf die nächste Gelegenheit warten: Lord Voldemort zu erfinden war genial und bei aller Kritik an J.K. Rowling hat sie mehr dafür getan, das Warnsystem junger Menschen zu stärken, als viele andere.

In Deutschland hat aktuell auch Alexander Prinz hervorragend aufgezeigt, dass es bei der AfD ähnlich ist. Erst Lucke, dann Petry, jetzt Weidel doch im Hintergrund ziehen radikale Ideologen die Strippen.  Genauso machte Prinz verständlich, dass das Fundament für einen AfD-Erfolg im Osten seit 30 Jahren gelegt wurde.

Die neuen Bundesländer verloren nach der Wende schlagartig eine Generation der besten Köpfe, dazu wurden die Räume geschlossen, in denen sich unterschiedliche Menschen begegnen können. Die wenigen Kneipen und Restaurants, die überlebten, sattelten oft auf touristische Gäste um – die Preise konnten die Einheimischen nicht mehr bezahlen. Eine Geschichte, die ich in Brandenburg und Mecklenburg dutzende Male von Wirten gehört habe. Seit einigen Jahren geht auch der ländliche Raum im Westen des Landes gleiches vor sich und auch dort ist es das Ziel der AfD diese Räume zu besetzen .

Landleben stirbt – Rechte besetzen die Räume

Auch in Indien stirbt der ländliche Raum, weil die Jungen in die Städte abwandern. Oder er wird vom Tourismus zerstört, so dass sich die Einheimischen wie Aussätzige vorkommen. Auf der Habenseite bleibt ein schlecht bezahlter Hungerjob im Dienstleistungssektor – das ist in Waren an der Müritz nicht anders, als in den Bergen Darjeelings. Nur zu den unwirtlichsten Jahreszeiten haben die Einheimischen ihre Stadt für sich. Vor 30 Jahren saß ich auch in der Hochsaison nur mit lokalen Anglern auf dem L-förmigen Steg am Hafen in Waren und beobachtete, wie meine Pose von einem Barsch in die Tiefe gezogen wurde. Noch vor 20 Jahren saß ich zur Hochsaison in Darjeeling selbst mittags alleine mit ein paar Einheimischen Tee schürfend auf dem Chowarasta Platz. Beides ist heute schwer möglich geworden. Zu Fremden in der eigenen Stadt geworden und nicht einmal Syrer in Waren oder Menschen aus Bangladesch in Darjeeling, die von der Modi-Regierung als Termiten bezeichnet werden, können noch als Ausrede missbraucht werden.

In Darjeeling haben die Menschen seit Jahren Narendra Modi unterstützt, in der Hoffnung, dass sie endlich ihren eigenen Bundestaat bekommen.  Doch Modi sagte seit 12 Jahren, er können da nichts machen, das sei Sache ihres Bundestaates West-Bengalen. Seit diesem Jahr regiert die BJP auch dort und ein eigener Bundesstaat ist weiter nicht in Sicht.

Vor 12 Jahren ist Modis-BJP angetreten mit dem Versprechen das „Establishment“ zu vertreiben und eine Politik zu gestalten, damit es der Masse der Menschen besser geht. Mittlerweile regiert die BJP das Land und 21 von 28 Bundestaaten, in denen 72 Prozent der 1,4 Milliarden Einwohner leben. Die großen Medien sind in der Hand regierungstreuer Oligarchen, oder freiwillig zu Modi übergelaufen . Die politische Opposition hat sich selbst zerlegt oder wurde vor wichtigen Wahlen verhaftet.

Höhere Bezahlung – schrumpfendes Vermögen, Wachstum angezweifelt

Noch immer geht es der Masse der Menschen nicht besser, im Gegenteil. Die eh schon kleine Mittelklasse in Indien scheint in der Praxis wieder zu schrumpfen, obwohl sie in der Theorie zunimmt. Auflösung: Die gestiegenen Gehälter werden von den steigenden Preisen doppelt gefressen.

Genau deswegen berichten in Indien gerade fast alle Medien, dass Indiens hohe Wachstumszahlen von 7,8 Prozent von Experten angezweifelt werden. Die Zweifel gibt es übrigens schon seit 12 Jahren, doch selbst Modi-treue Medien berichten endlich darüber.

Wie sollte es auch anders sein: In Indien wie Deutschland herrscht der Neoliberalismus, und damit die Konzerne, und gegen die hat die lokale Konkurrenz nahezu keine Chance. 

Der Satz „global denken und lokal handeln“ ist ein Teil der Lösung. Das Problem: Die Vorgänge auf der Erde sind ziemlich komplex. Deswegen braucht es endlich auch einfache Erklärungen, ohne Populismus. Alleine das Wort Neoliberalismus sagt gerade einfachen Arbeitern und Arbeiterinnen nicht viel (die meisten finden sich heutzutage im Dienstleistungssektor) – ich verdiene mein Brot-Geld seit Jahrzehnten in diesem Umfeld. Sage ich den Kollegen: „Das bedeutet, dass nur die Menschen die viel Geld verdienen, das Sagen haben sollen“, versteht die andere Seite sofort, was gemeint ist und es sorgt für Unbehagen. 

Gerade Menschen auf dem Land sind stolz auf ihr regionales Produkt. In Deutschland gibt es zum Beispiel mehr als 5000 verschiedene Biersorten von 1500 Brauereien „Neoliberalismus zu Ende gedacht bedeutet, dass ihr irgendwann nur noch Heineken zu trinken bekommt. Drei Konzerne kontrollieren die Hälfte des internationalen Biermarktes.

Auch in Indien sind die Menschen für so etwas empfänglich. Als das Land in den 90er-Jahren seine Märkte öffnete, kamen auch Coca-Cola und Pepsi. Doch die indische Cola Marke Thumps Up war weiter die Nummer Eins. Also kaufte Coca- Cola sie auf und wollte die Konkurrenz vom Markt verschwinden lassen. Ein Aufschrei der Empörung ging durchs Land, dass selbst den Kapitalisten von Coca-Cola die Ohren wackelten – bis heute ist Thumps UP die Cola Nummer Eins in Indien.

Es sind doch in der Regel die Gebildeten, die sich für die Konzerne prostituieren

Jetzt die einfachen Menschen verantwortlich für den Siegeszug der AfD zu machen, ist billig. Es sind doch in der Regel die Gebildeten, die sich für die Konzerne prostituieren. Auch die Masse der Kopfarbeiter bei den Medien kommt aus der gebildeten Mittelklasse, die in der Aufmerksamkeit-Ökonomie mitspielen. Aus Angst vor dem eigenen Job/Reichweitenverlust wird sich verbogen, dass sich die Balken biegen. Deswegen lieber zusammen mit „Alten“,, die geistig lebendig wie fitzwiedele 18-Jährigen wirken (Martin und Roland) in der medialen Bedeutungslosigkeit auf dem Extradienst, als mit angepassten Scheintoten auf Telepolis. Dort vergraulten sie die „Ecken und Kanten“ unter den Autoren, so dass ihnen bei aller Gleichförmigkeit jetzt nur noch das Betteln beim Leser bleibt, von denen dann viele „ihr“ Telepolis in Kommentaren darin erinnern, dass sie doch auch dort die Unangepassten in der Community abgewürgt haben. Freiheit ist anstrengend.

In der Demokratie haben die Abgehängten doch nur eine Möglichkeit zu zeigen, dass es sie gibt. Bei einer Wahl wie jetzt in Sachsen-Anhalt. Wer glaubt, nicht viel zu verlieren zuhaben, dem sind auch die Folgen seines Protestes egal. 

Selbstverleugnung hat Grenzen

Das Beispiel Indien und Modi zeigt jedoch, dass es den Abgehängten auch nach 12 Jahren nicht besser geht, und dass selbst die Selbstverleugnung der Medienmenschen ihre Grenzen hat. Es ist zu offensichtlich geworden, dass mit ihren eigenen wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen irgendetwas nicht stimmt. 

Das wird in Deutschland nicht anders werden. Respekt vor den nächsten schweren Jahren ist angebracht. Aber für Mutlosigkeit gibt es keinen Grund, weil schon jetzt klar ist, dass auch die AfD das Leben der Masse nicht verbessern wird und mir bewusst ist, wie viele tolle, engagierte Menschen immer noch in Deutschland leben.

Über Gilbert Kolonko:

Avatar-FotoGilbert Kolonko reist seit über 25 Jahren durch Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch. Er hat ein Buch über den Bürgerkrieg in Nepal geschrieben und eines über Pakistan. Dazu Artikel und Reportagen über den Subkontinent für deutsch- und englischsprachige Medien.