Versicherheitlichung in Lateinamerika

Ob Migration, Drogenkriminalität oder Klimawandel – in Lateinamerika werden gesellschaftliche Probleme zunehmend als Sicherheitsbedrohungen gerahmt, um außergewöhnliche Maßnahmen zu rechtfertigen. Ausnahmezustände, Militarisierung der Polizei, die Einschränkung rechtsstaatlicher Garantien: Das Phänomen der „Versicherheitlichung“ prägt die Politik der Region, von Washington bis Buenos Aires. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Welche Folgen hat es, wenn Regierungen den Ausnahmezustand zur politischen Normalität erklären? Wann sind außergewöhnliche Maßnahmen tatsächlich gerechtfertigt – und wann nicht?

Lateinamerika – das ist für so manche die Ursprungs­region gefährlicher Migration und Hort transnationaler Kriminalität. Sowohl externe Regierungen wie auch Regierungen in der Region konstruieren Lateinamerika als Raum größter Unsicherheit. Allerdings ist Sicherheit nicht nur ein objektiv messbarer Zustand, der eindeutig bestimmbar (und grundsätzlich erstrebenswert) wäre. In den Sozialwissenschaften gibt es den Ansatz, Sicherheit auch als eine bestimmte soziale und politische Praxis zu verstehen. In diesem Zusammenhang hat der Begriff der Versicherheitlichung (englisch: securitization) Einzug in akademische Debatten gehalten. Gemeint ist damit der Prozess, durch den politische Akteure ein gesellschaftliches Problem einer Sicherheitslogik unterwerfen. Sie zeichnet sich etwa durch die Identifikation von Bedrohungen und Feinden und der daraus folgenden Abgrenzung eines gefährdeten „Wir“ gegen äußere Gegner*innen aus. Politische Antworten setzen dabei auf Abschreckung und Zwang – insbesondere durch Militär und Polizei – gegenüber nichtgewaltförmigen Lösungen.

Die klassische Theorie der Securitization versteht Sicherheit als einen Prozess zur Rechtfertigung außergewöhnlicher Maßnahmen. Politische Akteure behandeln ein bestimmtes Phänomen nicht länger als ein „normales“ Problem, das innerhalb der üblichen politischen und rechtlichen Verfahren bearbeitet werden kann. Stattdessen deklarieren sie eine existenzielle Bedrohung, etwa für die „nationale Sicherheit“ oder die öffentliche Ordnung. Es geht um nichts Geringeres als das Überleben eines Staates oder einer Gesellschaft. Das Problem erhält damit eine besondere Dringlichkeit und Vorrang gegenüber anderen politischen Anliegen. Außergewöhnliche Maßnahmen erscheinen plötzlich als legitim oder notwendig: die Ausrufung des Ausnahmezustands, die zeitweise Einschränkung von Grundrechten, die Militarisierung innerer Sicherheit oder die Umgehung regulärer demokratischer Verfahren. Je nach Einschätzung der konkreten Situation mag ein Prozess der Securitization als plausibel oder sogar gerechtfertigt wirken. Die Kritische Sicherheitsforschung betont jedoch, dass er in der Regel problematische Folgen hat. In den allermeisten Fällen ist Desecuritization, also Entsicherheitlichung, besser: Politische Akteure sollen Probleme aus dem Alarmmodus herauslösen und als normale politische Fragen durch demokratische Aushandlung und rechtsstaatliche Verfahren bearbeiten.

Lateinamerika als Gefahr für die nationale Sicherheit?

In Lateinamerika beobachten wir Prozesse der Versicher­heitlichung auf unterschiedlichen Ebenen. Zunächst stellen externe Staaten die Region häufig als Gefahr für andere Teile der Welt dar. Die angebliche Bedrohung durch Migration diente US-Präsident Donald Trump beispielsweise zur Legitimation der Grenzmauer zu Mexiko sowie einer umfassenden Militarisierung der Grenze. Zugleich nutzen die Vereinigten Staaten das Problem des Drogenschmuggels immer wieder, um militärische Interventionen, extraterritoriale Sicherheitsoperationen oder massive Eingriffe in die Souveränität lateinamerikanischer Staaten zu rechtfertigen, wie etwa zuletzt bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro.

Dabei muss beispielsweise der Umgang mit dem Problem der Organisierten Kriminalität nicht zwangsläufig mit Ausnahmezuständen oder militärischen Maßnahmen verbunden sein. Dass auch andere Formen der Problembearbeitung möglich sind, zeigt die Politik der Europäischen Union (EU) gegenüber Lateinamerika im Hinblick auf den transnationalen Drogenhandel. Hier stehen nicht militärische Interventionen, sondern polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit im Vordergrund, etwa durch transnationale Kooperation von Sicherheitsbehörden, gemeinsame Ermittlung oder Programme zur Stärkung rechtsstaatlicher Institutionen. Der Umgang mit Drogenhandel und organisierter Kriminalität findet hier im Sinne einer Desecuritization statt, also innerhalb der „normalen“ polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung.

Ent- und Versicherheitlichung von Kriminalität

Eine weitere Ebene der Versicherheitlichung findet sich in der Politik lateinamerikanischer Regierungen selbst. In Mexiko führte etwa die Regierung die Bundespolizei in die Nationalgarde über, obwohl das Verfassungsgericht diesen Plan für verfassungswidrig erklärte. Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum rechtfertigte diese Militarisierung der Polizei mit dem Kampf gegen Organisierte Kriminalität und setzte sich über das Gerichtsurteil hinweg. In El Salvador hat Präsident Nayib Bukele im April 2022 den Ausnahmezustand ausgerufen. Er soll so lange andauern, bis alle Mitglieder der „Maras“ (kriminelle Banden) verhaftet seien. Der sogenannte „Krieg gegen Drogenkriminalität“ sieht tägliche Festnahmequoten für Polizist*innen vor, was zu Massenverhaftungen und der Einschränkung rechtsstaatlicher Garantien führt.

Diese Beispiele zeigen, wie lateinamerikanische Regierungen selbst Probleme versicherheitlichen: Wenn sie Kriminalität als existenzielle Sicherheitsbedrohung für den Staat und die Gesellschaft präsentieren, können sie außergewöhnliche Maßnahmen, wie die Ausrufung nationaler Ausnahmezustände oder die Ausweitung militärischer Zuständigkeiten, legitimieren. Dabei zeigte die Kampagne „abrazos, no balazos“ (Umarmungen statt Kugeln) des ehemaligen mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador, dass Regierungen Drogenkriminalität auch als soziales Problem im Rahmen normaler politischer Praxis behandeln können. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern setzte er weniger auf militärische Konfrontation, sondern versprach mit Sozialprogrammen wie „jóvenes construyendo el futuro“ (Jugendliche bauen ihre Zukunft) der Kriminalität ihre Grundlage, Armut und Perspektivlosigkeit, zu entziehen.

Migration: ein Sicherheitsproblem?

Viele lateinamerikanische Regierungen versicherheitlichen zudem Migrations­bewegungen. Im November 2025 rief beispielsweise die peruanische Regierung den Notstand an der Grenze zu Chile aus und setzte das Militär ein, um Zollkontrollen zu verstärken und Migrant*innen den Grenzübergang zu verweigern. Aus ihrer Sicht war Migration nicht so sehr eine primär humanitäre oder soziale Herausforderung. Sie erschien ihr vielmehr als eine Bedrohung, als ein Sicherheitsproblem, das nach außergewöhnlichen militärischen Maßnahmen verlangte.

Kolumbien ist wiederum ein Beispiel dafür, dass Regierungen Migration auch innerhalb der alltäglichen politischen Praxis behandeln können. Im Jahr 2021 reagierte die kolumbianische Regierung auf den starken Anstieg venezolanischer Migrant*innen eben nicht mit einer Darstellung von Migrant*innen als Gefahr für die nationale Sicherheit und militärischer Abschreckung an den Grenzen. Mit einem temporären Schutzstatus für venezolanische Migrant*innen setzte sie stattdessen auf Arbeitsmarktintegration, Bildung und Zugang zur Gesundheitsversorgung und Finanzdienstleistungen.

Nationaler Notstand für Klimaschutz und Gleichberechtigung

Schließlich ist Versicherheitlichung nicht allein Sache nationalstaatlicher Regierungen. Viele zivilgesellschaftliche Akteure rechtfertigen ebenfalls außergewöhnliche Maßnahmen durch den Verweis auf existenzielle Bedrohungen. So bewegten feministische zivilgesellschaftliche Gruppen im September 2014 die Provinz Salta in Argentinien dazu, den sozialen Notstand aufgrund geschlechtsspezifischer Gewalt auszurufen. Die feministische Organisation MuMaLá (Mujeres de la Matria Latinoamericana) mobilisierte mit einer Petition für die Ausrufung eines nationalen Notstands in Argentinien aufgrund der weitverbreiteten geschlechtsspezifischen Gewalt. Und das zivilgesellschaftliche Engagement klimaaktivistischer Gruppen wie „jóvenes por el clima“ führte 2019 dazu, dass Argentinien als erstes Land Lateinamerikas den Klima- und Ökokatastrophenzustand ausrief.

Versicherheitlichung ist deshalb nicht per se schlecht. Je nachdem, wie wir die Bedrohung bewerten, mögen außergewöhnliche Maßnahmen richtig sein. Versicherheitlichung kann sogar progressiven und emanzipatorischen Projekten dienen. Die Theorie der Versicherheitlichung hilft uns zu verstehen, wie die Konstruktion eines Problems als existenzielle Bedrohung Normüberschreitungen rechtfertigt. Sie ersetzt jedoch nicht die politische Bewertung, welches Problem eine solche Behandlung verdient – und welche nicht. Denn oft ist es besser, gesellschaftliche Probleme im Rahmen des normalen politischen Betriebs anzugehen. Schließlich besteht ansonsten die Gefahr, dass demokratische Verfahren ausgesetzt werden und militärische Ansätze den Vorrang vor zivilen Lösungen bekommen.

Marc von Boemcken ist Projektleiter des Forschungsprojekts „Security, Armament and Development“ und Head of Research am Bonn International Centre for Conflict Studies. Jari Bertolini ist Redaktionsmitglied der ila. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 496 Juni 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Jari Bertolini, Marc von Boemcken - Informationsstelle Lateinamerika:

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