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Historischer Optimismus

mit Update nachmittags
Nachdem ich gestern von Apokalypse geschrieben habe, ist ein dialektisches Gegenstück fällig. Ich war in meiner Jugend auch dem Historischen Materialismus nie abgeneigt – lediglich seiner vulgärmarxistisch-deterministischen Interpretation. “Zwangsläufige” historische Entwicklungen gibt es für nix – am Ende ist alles menschengemacht, sogar, im Extremfall, die Apokalypse. Doch, es gibt materialistische Grundlagen für eine Stimmungsaufhellung, auch wenn das Menschen in Moira, Oregon oder am Amazonas nicht wirklich weiterhilft – aber uns, um Stärke für solidarisches Helfen zu gewinnen.
Den Grundlagentext dafür lieferte in der gestrigen taz der Graswurzler Nicolai Hagedorn. Seinen politischen Hintergrund habe ich schon in den 80ern als angenehm radikale, aber stets diskursfähig bleibende Bündnispartner*innen in der Friedensbewegung kennengelernt. Was Hagedorn schreibt, ist komplett richtig – mit einem Einwand: das alles ist extrem volatil, kann jederzeit in die eine oder andere Richtung umkippen.
Zwei Trauerfälle von Pionierinnen zeigen, wie es über ihre Lebens-Jahrzehnte voran gegangen ist. Da war Diana Rigg, der die beim Häuptling Eigener Herd geschulte Jenni Zylka einen exzellenten Nachruf widmet. Die Serie lief zwar in den 60ern im ZDF, und der erste Fernseher meiner Eltern hatte nur das Erste Programm. Ich hörte also nur in der Schule davon. Bei den WM-Spielen 1966 gingen wir bei ZDF-Übertragungen runter zu unseren Vermietern. Ja, so war das mit Medien, als Diana Rigg ihre Karriere startete. Und dann kam gleich ein Frauenbild mit, als sei es von einem anderen Planeten. Fantastisch, ein Leben, das sich echt gelohnt hat.
Ebenso Shere Hite. Schock, die war ja noch unter 80. Und dass die in Köln gelebt hat, so ein Star der sexuellen Revolution, das war mir komplett entgangen. Auch ihre zeitgenössische Wirkung ist kaum zu überschätzen. Sie war ein klassischer Fall von Mainstreaming – keine verhärtete Kampffeministin, die es sich in ihrer Ecke gemütlich machte, sondern bis in TV-Programmzeitschriften in Millionen Hirne sich emanzipierender Frauen hinein.
Danke Mrs. Rigg, danke Mrs. Hite – sie haben mehr bewegt, als die meisten Politiker*innen.
Womit ich den Bogen schlage zum real existierenden Politik-Schwarzbrot. Seit Jahrzehnten kaut die sich anmassend “Die Linke” nennende Partei daran. Ich bin gespannt, was ihre scheidende Parteivorsitzende Katja Kipping, die ich als “Emanzipatorische Linke” noch am meisten schätze, vorhat. Ich weiss es nicht. Wenn Pascal Beucker aber meldet, dass der Bundesgeschäftsführer Schindler und der Schatzmeister Harald Wolf, zwei Männer, weitermachen wollen, ist das ein Hinweis, dass das organisationspolitische Fundament, stets notwendig, nie hinreichend, stabil bleibt. Wolf kenne ich noch vom Beginn der 90er als linksreformistischen Grünen. Er wechselte schon, als “Die Linke” noch PDS hiess, und machte seinen Weg in deren Berliner Landesverband.
Erfreulich auch, was die FAZ schadenfroh über Extinction Rebellion (XR) meldet. Ich wusste nicht, welche oligarchischen Geldsäcke sich hinter denen verbargen. Wenn die sich nun entfernen, kann ich das hygienepolitisch nur gut finden. Wenn der Anlass dazu sein soll, dass XR Aktionen gegen Murdoch-Medien gemacht hat – es gibt nur Weniges, was ich politisch sinnvoller finde – dann (!) Gratulation meinerseits.
Update nachmittags: Eine weitere positive Erscheinung scheint Julia von Heinz’ Film “Und morgen die ganze Welt” zu sein. Er wird bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigt. Gesehen habe ich ihn also noch nicht. Der ständige Vertreter des Marxismus in der FAZ-Redaktion Dietmar Dath hat ihn positiv besprochen. Im DLF-Kultur-Interview äussert sich die Regisseurin selbst, und macht auf mich einen guten, reflektierten Eindruck. Was mir als seinerzeitiges Arbeiterkind lebenslang ein Rätsel bleibt, ist, warum solche klugen Adelskinder den Klassenverrat nicht so weit treiben, dass sie das “von” in ihrem Namen streichen lassen.

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Deine Hommage an Diana Rigg kann ich nur teilen: Sie war für mich, dessen Eltern auch 2. Programm empfangen konnten eine Offenbarung: Ich durfte die Krimis nicht nur sehen sonder sie brach auch mit meinem bis dahin bestehenden Frauenbild radikal – wofür ich ihr bis heute dankbar bin. Und sie hatte eine bis heute unerreichte Fähigkeit, mit ganz feinen und reduzierten Gesten und Mimik Schauspiel zu verfeinern. Danke Diana, dafür!
    Wenn Jörg Schindler weitermacht, dann istmir um die “Linke” nicht bange, kommt er doch aus dem selben guten “Stall” wie wie beide: Er ist ehemaliger Jungdemokrat und hat es nach meiner Wahrnehmung bisher bestens verstanden, die Partei und ihre berstenden Flügel mit Vernunft zusammen zu halten.

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