Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

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Mehr Mäßigung führt zum Scheitern

Interview mit Professor Luis Felipe Miguel von der Universität Brasília

Die Veröffentlichungsliste von Luis Felipe Miguel, Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Brasília, auf der Website von Demodê (Forschungsgruppe für Demokratie und Ungleichheiten) ist gelinde gesagt beeindruckend. Miguel ist Koordinator dieser Forschungsgruppe und ein geschätzter politischer Analytiker. Deswegen ist er ein vielgefragter Interviewpartner, gerade auch vor den Wahlen in Brasilien. Umso erfreulicher, dass er Zeit für ein Skype-Interview mit der ila fand. Weiterlesen

Fritz Pleitgen gestorben

mit Update nachmittags

In seiner Amtszeit als WDR-Intendant und meiner als stellv. Mitglied des WDR-Rundfunkrates hatten wir eine Meinungsverschiedenheit über den “Beckmann-Vertrag”. Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht an der entscheidenden Rundfunkratssitzung teilnehmen, und sandte ihm meine begründete Ablehnung zu. Es gab nicht wenige Gegenstimmen wg. der hohen Dotierung, aber er kam durch. Damit flanschte sich die ARD für lange Zeit an die DFL an. Beckmann und Bundesliga wurden von Sat1 abgeworben. Obwohl es unnötig gewesen wäre, schrieb mir der Mann einen mehrseitigen Brief (analog, auf Papier) zurück, warum er für richtig hielt, was ich falsch fand. Ein Gentleman im besten Sinne. Weiterlesen

Expliziter Rassismus

Und eine Ideologie der Gleichgültigkeit – Die afrobrasilianische Bevölkerung nach vier Jahren Bolsonaro

Brasilien ist das Land mit der größten schwarzen Bevölkerung außerhalb Afrikas. Vermutlich leben nur in Nigeria mehr schwarze Menschen als in Brasilien. In Nigeria wird aber nicht von Negros/Negras (Schwarzen) gesprochen wie in Brasilien, sondern von Nigerianer*innen. „Schwarze“ ist eine Erfindung der sogenannten „Weißen“, ebenso wie die Bezeichnung „Weiße“. In der durch die Versklavung afroamerikanischer Menschen geprägten Gesellschaft Brasiliens ist die Hautfarbe bis heute ein entscheidender Faktor dafür, wie Menschen leben und welche Möglichkeiten sie haben oder nicht haben. Weiterlesen

Kindheitserinnerung

mit Update nachmittags und 17.9.

Als ich 3 war

Meine erste Lebenserinnerung: ich war 3, als ich oben auf dem Hamburger Michel stand. 1960: Unter ihm lag noch alles in Trümmern von dem 2. Weltkrieg, der 15 Jahre zuvor beendet worden war. Die Attraktion schon damals: der Hamburger Hafen. Dem geht Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nun an den Kragen. Und ich bin gespannt, wie der ehemalige Erste Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg darauf reagieren wird. Weiterlesen

Showdown für Brasiliens Demokratie

Die Gefahr eines Putschs bei einer Niederlage Bolsonaros ist durchaus real

Sollten die Wahlen am 2. Oktober und die eventuelle Stichwahl im November geordnet ablaufen, deutet vieles auf einen Machtwechsel in Brasilien hin. Zwar verfügt der Rechtspopulist Bolsonaro noch immer über eine respektable Anhängerschaft, er hat jedoch seine Unterstützung in wahlentscheidenden Milieus verspielt – nicht zuletzt aufgrund der andauernden Wirtschaftskrise. Sie hat in den letzten Jahren nicht nur Millionen von Menschen in die Armut gedrängt, sondern auch der Mittelschicht spürbar zugesetzt. Aber nach den öffentlichen Drohgebärden Bolsonaros in den letzten Monaten muss angenommen werden, dass er eine Niederlage ebenso wenig akzeptieren wird, wie der von ihm bewunderte Trump dies bei den letzten US-Präsidentschaftswahlen getan hat. Weiterlesen

“Le Mépris” – gleich bei ARTE

mit Update 15.9. und 16.9.

Ich weiss: ein TV-Tipp für einen Filmstart in wenigen Minuten ist einigermassen schwachsinnig. ARTE hat heute wegen des Todes von Jean-Luc Godard sein Programm geändert, und sendet sein Meisterwerk “Le Mépris” um 20.15 h, ohne Mediathekangebot! Doch hier werden Sie geholfen. Das Youtube-Angebot verlangt lächerlicherweise eine Altersverifizierung, als wenn das ein Schmuddelporno ist. Ist es nicht. Folgen Sie den genannten Quellen (DLF-Lange Nacht, Hans Schmid/telepolis), dann begreifen Sie. Weiterlesen

Schießen oder verhandeln?

Ukrainekrieg: Zwischen Moral und Realismus

Nach mehr als sechs Monaten Krieg in der Ukraine scheint ein Ende in weite Ferne gerückt. Washington und Brüssel steigern die Waffenlieferungen an Kiew, und der Wirtschaftskrieg wird immer dramatischer. Doch es mehren sich Stimmen, die für Verhandlungen plädieren. Noch gelten sie als unrealistisch und unmoralisch.

Mehrere Versuche gab es in den letzten Monaten, um die Gegner an den Verhandlungstisch zu bringen: angefangen bei der Initiative Mario Draghis, über Appelle des UN-Generalsekretärs bis zur Erklärung der internationalen Arbeitsgruppe um Romano Prodi und Jeffrey Sachs. Weiterlesen

Indien repräsentiert die globale Krise

Die bedeutendsten Sauerstoffproduzenten gegen die Klimakrise sind Russland und Brasilien. Der Nachschub ist brennend gefährdet. Das juckt die aktuell amtierenden Staatsfrauen und -Männer kaum. Während Russland das Blickfeld hiesiger Medien nahezu voll ausfüllt, als Quasi-Kriegsgegner, hat mann sich an Brasilien gewöhnt. Die Teilnahmslosigkeit am brasilianischen Wahlkampf – verglichen mit solchen in den USA – kann ich nur als politische Verblendung bewerten. Eine derzeit hier im Extradienst laufende Artikelserie soll als Gegengift dienen. Weiterlesen

Auf der Zielgeraden

Brasiliens Wahlkampf konzentriert sich auf den Zweikampf Lula – Bolsonaro

Am 2. Oktober ist es so weit. 156,4 Millionen Brasilianer*innen haben das Recht, neben Abgeordneten auch den zukünftigen Präsidenten zu bestimmen. Seit dem 16.°August ist die Werbung sowohl im Radio als auch im Fernsehen auf allen Kanälen freigegeben, und dies bedeutet täglich vor der Novela minutenlange Berieselung. Die Wahl der Abgeordneten für den Kongress und den Senat spielt im Wahlkampf eine zweitrangige Rolle. Alles konzentriert sich auf den Zweikampf um die Präsidentschaft zwischen dem Kandidaten der sozialdemokratischen Arbeiterpartei PT, Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, und dem jetzigen Amtsinhaber, dem Rechtspopulisten Jair Bolsonaro. Alle weiteren Kandidat*innen sind chancenlos. Weiterlesen

Gut gerüstet

Am 1. September, dem Antikriegstag, hat der Tübinger Menschenrechtsanwalt Holger Rothbauer den diesjährigen Aachener Friedenspreis erhalten. Rothbauer kämpft in der Öf­fentlichkeit und vor Gericht gegen illegale Geschäfte der deutschen Rüstungsindustrie. Zu seinen bekanntesten Fällen gehören die erfolgreichen Klagen gegen zwei große Waffenhersteller. Heckler & Koch exportierte tausende Sturmgewehre illegal nach Mexiko, Sig Sauer zehntausend Pistolen illegal nach Kolumbien. In beiden Fällen wurden Verantwortli­che vom Bundesgerichtshof verurteilt, die illegalen Umsätze in Millionenhöhe wurden ein­gezogen. Durch Klagen nach dem Informationsfreiheitsgesetz und entsprechende Publika­tionen sorgt Rothbauer für öffentliche Transparenz über Rüstungsexporte. Weiterlesen

Sprache und Krieg

Das Rad des Seins und die russische Angst vor dem Kontrollverlust

Hier unten findet sich in voller „Schönheit“ der heutige Lagebericht des russischen Verteidigungsministeriums zum Ukrainekrieg. Er sieht genauso aus, wie die 200 vorhergehenden Lageberichte seit dem 24. Februar. Es ist der Form nach eine spätsozialistisch-bürokratische Auflistung der eigenen planmäßigen Erfolge an diesem Kriegstag. Die Form soll strenge und geradezu unterkühlte Sachlichkeit suggerieren: hier steht man auf der Seite der „Fakten“, nicht der „Hysterie“ – das ist Botschaft. Es ist eine Sprache der modernen, zweckrationalen, an Wissenschaft, Technik und Bürokratie orientierten Kontrolle. Weiterlesen

Pornoschuhe und Rentnerleben

Den Begriff “Pornoschuhe” habe ich mal in irgendeiner TV-Comedy aufgeschnappt. Seitdem führt er in meinen Freundinnenkreisen immer wieder zu engagierten Diskussionen. Weniger als eine halbe Million Suchmaschinentreffer, die Mehrheit davon Pornoclips. Wir dagegen diskutierten die Schuhe von Anne Will, z.B. hier mit dem kleinen Olaf. Nun können wir unsere Debatten auf eine wissenschaftliche Basis stellen. Weiterlesen

40 Jahre Erstarrung

Die Reichen und die “Freien” – Wer kann sich das leisten? – Öffentliche Medien jedenfalls keine weiteren 40 Jahre

Diese aktuelle, anständige, faktengerechte, gut lesbare Reportage von Larena Klöckner/taz Junge Jour­na­lis­t*in­nen wünschen Veränderung: Wertschätzung? Fehlanzeige – Junge Jour­na­lis­t*in­nen arbeiten oft in unsicheren, freien Anstellungsverhältnissen. Wie erleben sie die aktuellen Skandale beim ÖRR?” löste in mir folgende Gedankenkette aus. Wohlgemerkt ist nicht die Autorin dafür zu kritisieren: die von ihr wahrheitsgemäss geschilderten und realistisch eingeschätzten Verhältnisse, sie sind jetzt rund 40 Jahre alt. Und sind erschienen in einem Medium, das sich “tageszeitung” nennt. Weiterlesen

Wieviel Unkenntnis ist glaubhaft?

Jürgen Habermas schafft es immer noch, Geschwätzwellen auszulösen

“Der menschliche Erkennntisprozess ist prinzipiell unabschliessbar.” So lautete mein Lieblingssatz im Jungdemokraten-Grundsatzprogramm von 1971 (“Leverkusener Manifest”). Aber ist auch eine Rückentwicklung denkbar? Nicht nur der Ukrainekrieg legt das nahe. Auch ein anderer prominenter Fall von Geistesgrösse. Er ist jetzt 93, zwei Jahre älter als Adenauer, drei als mein Vater; drei jünger als die tote Queen. Wenn ich seinem Rezensenten Stefan Reinecke/taz glaube, hat er keine neue Studio-LP vorgelegt, sondern nur eine neue “Best-of”-Compilation. Damals beim Vinylplattenkauf habe ich davon meine Finger gelassen. Es mutete an, wie die ständigen Wiederholungen in der Glotze. Doch die Orentierungslosigkeit der liberalen Linken ist so ausgewachsen, dass sie sich von dem guten alten Mann immer noch jesusartige Fingerzeige erhoffen. Weiterlesen

„… denn der Teufel duldet Russland nicht den Marienthron …“

Russland zwischen Allmachtsphantasie und militärischem Debakel

Einige von denen, die in Russland überhaupt mitkriegen, was in der Ukraine gerade geschieht, drehen völlig frei. Tatsächlich bahnt sich wohl die Alternative an:

– Russischer Rückzug oder totaler Krieg.

In der bisherigen Form läuft die „Spezialoperation“ jedenfalls auf ein Debakel für ihre Urheber hinaus. Die Alternative einer großen russischen Mobilmachung wäre jedoch noch unberechenbarer. Der imperiale Angriffskrieg wäre dann für die Mehrheit der Russen nicht nur ein Nebenbei-Faktor abends im Fernsehen, sondern ein bestimmender Alltagsfaktor. Weiterlesen

Zeitzeuge der Bundesrepublik

Als Wolfgang Schäuble 1972 das erste Mal in den Bundestag gewählt wurde, war die Hälfte der heutigen Abgeordneten noch nicht geboren. Willy Brandt war Bundeskanzler. Der CDU-Vorsitzende hieß Rainer Barzel. Das Drei-Parteien-System schien stabil – SPD, Union und FDP kamen auf zusammen 99,1 Prozent und alle „Sonstigen“ auf 0,9 Prozent. Von Grünen war selbst in Universitätsstädten noch nichts zu sehen. Borussia Dortmund stieg aus der Bundesliga ab. Der sportbegeisterte Schäuble war ein Fan von Bayern München. Weiterlesen

Bitterfeld und Hamburg

Beispiele zur Distanz des Politmedien-Karussells von der Gesellschaft

In Bitterfeld war ich in meinem Leben ein einziges Mal – durchgefahren. Am Bahnhof öffnete ich das Abteilfenster und blickte raus. Alle meine Vorurteile bestätigten sich optisch. Ein Privatbahnveranstalter bediente damals die Strecke Berlin-Köln auf Nebenstrecken durch Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hessen, in denen ich im Leben nie war und nie wieder hinkommen werde. Über Siegburg gelangte ich wieder nachhause. Weiterlesen

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