von Christian Russau
Corona-Krise bringt PolitgefĂŒge in Brasilien nahe an den Schmelzpunkt.

“Ihre Regierung ist vorbei”
Diese Worte musste sich Jair Bolsonaro in aller Öffentlichkeit anhören. Das Video der Szene machte Mitte MĂ€rz Furore in den sozialen Netzwerken in Brasilien. Brasiliens rechtsextremer PrĂ€sident stand vor seinem Regierungspalast, tat so, als wĂŒrde er die Worte nicht verstehen. “Ihre Regierung ist vorbei.” Eigentlich ist dies mittlerweile der Mehrheit der Brasilianer*innen bewusst geworden. Nur hatte es bislang noch niemand so nĂŒchtern beschrieben, wie der Sprecher dieser gleichsam prophetischen Worte.

Etwas mehr als eine Woche spĂ€ter wankt die Regierung Bolsonaro. Acht Abende in Folge erhallte in Brasiliens StĂ€dten der ohrenbetĂ€ubende LĂ€rm der “panelaços”, millionenfach standen die Brasilianer*innen auf ihren Balkonen, an ihren Fenstern, um ab 20 Uhr, mit Töpfen und Pfannen und Kochlöffeln ausgerĂŒstet, gegen die Bolsonaro-Regierung zu protestieren. Aus den drei großen Millionenmetropolen, SĂŁo Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte, zeigten unzĂ€hlige Videos in den sozialen Netzwerken, wie der ĂŒber die Stadtviertel hinwegdröhnende Proteststurm besonders auch – und das ist das fĂŒr Bolsonaro eigentlich Brisante – in den Reichenvierteln ertönte, dort, wo man zu den Wahlen 2018 mit deutlicher Mehrheit zum ehemaligen Fallschirmspringer und Hauptmann a.D, Jair Bolsonaro, gehalten hatte. Wenn die Elite sich abwendet, war es bisher immer ein untrĂŒgliches Zeichen, dass eine Regierung in SĂŒdamerikas grĂ¶ĂŸtem Staat an ihr Ende gelangt ist.

Einzig Bolsonaro scheint dies noch nicht so richtig mitbekommen zu haben. Er plaudert weiter Unsinn, verbreitet LĂŒgen und fake news, kopiert Trumps Aussagen jeweils einen Tag spĂ€ter, verharmlost Corona als “gripezinha”.
“Kleine Grippe” als “omissĂ­dio” (I)
So auch gestern Abend in seiner geschnittenen Videoaufzeichnung an das brasilianische Volk. Bolsonaro beschuldigte die Medien, alles zu ĂŒbertreiben. “Wenn ich mich mit dem Virus infiziere, bekomme ich nur eine ‘gripezinha’ (kleine Grippe) oder ein ‘resfriadinho’ (leichte ErkĂ€ltung).” Warum das bei ihm so sein wĂŒrde, erlĂ€uterte er auch gleich: „Meine Geschichte als Athlet.“ Und kurz darauf keilte er gegen die Bundesstaaten und deren Gouverneur*innen. Es könne nicht sein, dass die Gouverneur*innen solch ein “Konzept der verbrannten Erde” durchzögen, einfach Schulen schließen und die Wirtschaft aufgeben. Am Samstag hatte sein einstiger VerbĂŒndeter und mittlerweile einer seiner Ă€rgsten politischen Feinde, der Gouverneur des Bundesstaates SĂŁo Paulo, JoĂŁo Doria, weitgehende AusgangsbeschrĂ€nkungen fĂŒr die mehr als 40 Millionen Einwohner*innen verhĂ€ngt, vorerst fĂŒr 15 Tage. “Die Risikogruppe sind Personen ĂŒber 60 Jahre. Wozu also Schulen schließen?”, blafft Bolsonaro.

In Brasilien kursiert die Tage der Begriff „omissĂ­dio“, eine kombinierende Wortneuschöpfung aus “omissĂŁo” (“Unterlassung”, “Leugnung”) und “homicĂ­dio” (“Mord”) oder in diesem Fall treffender “genocĂ­dio” (“Genozid”, “Völkermord”) ist. Das Virus zu ignorieren, den “normalen Alltag” zu verlangen, kommt angesichts der LetalitĂ€tsrate einem vorsĂ€tzlichen Genozid gleich, vor allem der Armen.

Zwist mit Gouverneur*innen und dem grĂ¶ĂŸten Außenhandelspartner
Dabei hatte Bolsonaro der öffentliche Druck erst vorgestern dazu bewogen, den Anschein der DialogfĂ€higkeit zu erwecken, er konferierte mit den Gouverneur*innen, – um ihnen durch seine gestrige Rede an die Nation gleich wieder in den RĂŒcken zu fallen. Leicht durchschaubar dabei, ist, dass er so in Zukunft sagen kann, wenn Millionen von Brasilianer*innen ihren Job verloren haben, er habe ja davor gewarnt.

Die Krise, die ein Bolsonaro in Brasilien noch massiv verschlimmert, zeitigt zudem auch Zwist in der Außenpolitik. Wenige Tage zuvor hatte Bolsonaro verlauten lassen, China sei schuld an Corona. Sekundiert von seinem Sohn Eduardo Bolsonaro, der den Virus als “chinesischen Virus” bezeichnet, was den chinesischen Botschafter in BrasĂ­lia zu einer harschen Antwort herausforderte, eine Entschuldigung fordernd, was wiederum Brasiliens Außenminister Ernesto AraĂșjo als Affront wertete, so dass China offiziell erklĂ€rte, das Ganze werde Folgen haben. Wer diese Twitter-Gefechte vor allem fassungslos-schockiert verfolgte, war Brasiliens Agrobusiness, vor allem die Soja-Farmer*innen. Diese bemĂŒhten sich, die Wogen zu glĂ€tten, woraufhin Bolsonaro selbst offensichtlich etwas mulmig wurde und er sich zu erklĂ€ren beeilte, sein Sohn Eduardo Bolsonaro sei doch nur Abgeordneter, trotz des Namens stehe er ja nicht fĂŒr die Regierung. China ist Brasiliens grĂ¶ĂŸter Außenhandelspartner. 75 Prozent der ganzen Sojabohnen, die Brasilien exportiert, geht nach China.
Eingeschleppt durch die Reichen, wer daran stirbt, werden zumeist die Armen sein
WĂ€hrend die ersten Corona-FĂ€lle die obere Mittelklasse trafen, die sich auf ihrem Europa- und USA-Urlaub angesteckt hatten, war einer der ersten TodesfĂ€lle eine Hausangestellte, deren Chefin sich in Italien angesteckt hatte, die auf Corona positiv getestet wurde und ihre Hausangestellte weder davon informierte, noch ihr freigab, geschweige denn ihr Atemschutzmasken oder Ähnliches bereit gestellt hĂ€tte. In Brasilien arbeiten ĂŒber 6,3 Millionen Frauen als Hausangestellte, deren Söhne und Töchter haben nun ein hundertausendfach geteiltes Manifest veröffentlicht, in dem sie fordern, dass ihren MĂŒttern angesichts der Corona-Gefahr sofort dienstfrei gegeben werden mĂŒsse, bei vollem Lohnausgleich. Aussicht, damit bei Bolsonaro auf VerstĂ€ndnis zu stoßen. De jeito nenhum, nem pensar.

Mittlerweile haben alle Angst vor Corona, und was die grĂ¶ĂŸte BefĂŒrchtung war, dass es das Virus in die Favelas der StĂ€dte schaffen wĂŒrde, dort, wo oft weniger als die HĂ€lfte der Menschen ĂŒber fließend Wasser verfĂŒgen, das ist am Wochenende eingetreten: Im Stadtviertel Cidade de Deus in Rio de Janeiro ist ein Bewohner positiv auf Corona getestet worden. Die Obdachlosenbewegung MTST sammelt dringend benötigte Spenden, denn viele der Obdachlosen haben gar kein Wasser, auch keine Seife. Nicht auszudenken, was Corona anrichten wird, sobald es die indigenen Territorien erreicht. Pressemeldungen von Ende vergangener Woche deuten darauf hin, dass es bei den indigenen PataxĂł im Bundesstaat Bahia den ersten Corona-Infektions-Fall gebe.

“Kleine Grippe” als “omissĂ­dio” (II)
Und was schlĂ€gt Bolsonaro gegen Corona vor? “Werden durch den Virus ein paar sterben? Ja, klar, die werden sterben”, so Bolsonaro im FernsehgesprĂ€ch vor wenigen Tagen. “Wenn es da wen falsch erwischt, dann ist das eben so. Sorry.” Und legt auch gleich dazu seine BeweggrĂŒnde offen: “Aber wir können da nicht so ein Klima schaffen. Das schadet der Wirtschaft.” Da es ihm nicht um Menschen, sondern um die Aufrechterhaltung der Wirtschaft geht, ließ er sein Kabinett auch gleich zur Tat schreiten. Firmen dĂŒrfen ab sofort wegen der Corona-Krise die GehĂ€lter und Löhne ihrer BeschĂ€ftigten, Angestellten und Arbeitenden um die HĂ€lfte kĂŒrzen. Kurz danach ging das Kabinett noch einen Schritt weiter: Angesichts der Corona-Krise dĂŒrfen Firmen nun ihre Angestellten und Arbeiter*innen fĂŒr bis zu vier Monate einfach außer Dienst stellen, – klar, ohne Lohnfortzahlung. Den Letzten beißen die Hunde, die Krise wird so den Arbeiter*innen komplett zugeschoben. Das ging der Öffentlichkeit dann aber auch auf, und Bolsonaro zog noch am gleichen Nachmittag (dem Montag) den PrĂ€sidialerlass wieder zurĂŒck. Seine ErklĂ€rung dazu: Den habe sein Wirtschaftsministerium erarbeitet, er habe den Erlass, den er unterzeichnet hat, gar nicht gelesen.

Dabei ist klar: die Zeche zahlen die Armen. Amerika21 hat dies gut zusammengefasst in einem Bericht von heute Morgen: “Gleichzeitig strich die Regierung entgegen ihrer bisherigen AnkĂŒndigungen in 158.000 FĂ€llen die Sozialhilfe ‚Bolsa Familia‘. Inmitten der gesundheitlichen und wirtschaftlichen Krise trifft das die Ärmsten der Armen. Über 30 Millionen neue Arbeitslose werden wegen der Corona-Welle vor allem in den unteren Einkommensgruppen erwartet. Insbesondere Tagelöhner wie StraßenverkĂ€ufer und Hausangestellte sind von Kontaktsperren und QuarantĂ€ne besonders betroffen. Laut einer Studie können 72 Prozent der Favela-Bewohner auf keine Ersparnisse zurĂŒckgreifen. Jeder Dritte werde in der QuarantĂ€ne Probleme bekommen, ausreichend Lebensmittel zu kaufen, warnt das Institut Data Favela.”
Wirtschaft schon vorher am Rande des Kollaps
Doch selbst all diese ĂŒber die Maßen unternehmerfreundlichen Maßnahmen dĂŒrften der brasilianischen Wirtschaft aus Sicht der Reichen, Wohlabenden und Vermögenden derzeit nicht viel weiterhelfen. Bereits vor Corona stagnierte die Wirtschaft, wĂ€hrend die brasilianische LandeswĂ€hrung Real im Tauschwert gegen Dollar und Euro weiter auf historische StĂ€nde fiel, nun mussten erstmals in der Geschichte des Landes fĂŒr einen US-Dollar ĂŒber 5 Reais hingeblĂ€ttert werden. Und dennoch zeitigte diese WĂ€hrungsabwertung so gut wie keine spĂŒrbare Exportnachfrage bei IndustriegĂŒtern, obwohl durch den im Tauschwert sinkenden Real Brasiliens Industrieproduktion doch eigentlich – der Theorie des neoliberalen Wirtschaftsminister und Chicago-Boys Paulo Guedes nach – wettbewerbsfĂ€higer werden sollte. Einzige Ausnahme ist das weiterhin boomende Agrobusiness der Soja- und Fleischexporte, die brennenden FlĂ€chen in den Trockensavannen des Cerrados und Amazoniens geben ein beredtes Beispiel davon.

Nun aber mit Corona breitet sich auch in der Mittelklasse und Elite Panik aus, zumal brasilianische Staatspapiere wieder unsicherer werden und damit die rund 18.000 Familien im Lande, die sich seit Generationen ĂŒber die Zins- und Zinseszinszahlungen trefflich finanzieren, nun Angst um ihre PfrĂŒnde bekommen. Auch auslĂ€ndische Investor*innen fassen Brasilien, so als sei es ein heißes Eisen, bereits nicht mehr an, im Gegenteil: Zogen auslĂ€ndische Kapitalbesitzer*innen im Gesamtjahr 2019 netto noch 44,5 Milliarden Reais von Brasiliens grĂ¶ĂŸter Börse Bovespa in SĂŁo Paulo ab, so waren es bis 4. MĂ€rz dieses Jahres (also bevor Brasilien langsam klar wurde, was da fĂŒr ein Corona-Tsunami auf das Land zurast), also in etwas mehr als nur zwei Monaten, satte 44,8 Milliarden Reais (derzeit umgerechnet acht Milliarden Euro). Solche Zahlen treibt selbst die kapitalbesitzenden Schichten auf die Balkone und Terrassen, der Kochlöffel kreist nun auch ĂŒber der Teflon-Pfanne.
Durchspielen der Varianten eines Machtwechsels im Lande
So nimmt es mittlerweile nicht wunder, wenn ĂŒbers Wochenende erste konkrete Spekulationen ĂŒber das baldige Ende der Regierung Bolsonaro die Runde machten. Die Zeitung Congresso em Foco geht davon aus, dass Bolsonaro schneller als gedacht aus dem Amt gedrĂ€ngt werden könnte und sieht dafĂŒr drei Wege: 1) Bolsonaro werde auf dem Weg ĂŒber eine notwendige (oder vorgeschobene) medizinische Behandlung (sei es wegen Corona, sei es wegen Krebs, sei es wegen SpĂ€tfolgen des Messerattentats auf seine Person wĂ€hrend des Wahlkampfs 2018) von der de facto-Machtzentrale entfernt. 2) Bolsonaro werde ĂŒber die Aktionen eines an die Schalthebel der politischen Handlungszentrale rĂŒckenden Parlamentarismus zunehmend ausgegrenzt, eine Variante, die angesichts der sich zuspitzende Lage der Corona-Krise vor allem bei den Gouverneur*innen der einzelnen Bundesstaaten zunehmend AnhĂ€nger*innen findet, die die AutoritĂ€t mehr auf die LĂ€nder und somit weg von BrasĂ­lia verlagern wollen. 3) Eine Entmachtung Bolsonaros ist mittlerweile, so Medienberichte, die namentlich (noch) nicht genannte Mitglieder von Kongress und Senat zitieren, durch ein Amtsenthebungsverfahren eine reale Möglichkeit. Anscheinend favorisieren dies mehr und mehr Abgeordnete, immerhin liegen dem Kongress dazu mittlerweile achtzehn AntrĂ€ge auf Amtsenthebung vor. Es scheint eine Frage der Zeit, bis der erste sich vortraut und die Dominokette der AbtrĂŒnnigen in Gang setzt.
Prophetische Ansagen?
“Ihre Regierung ist vorbei.” Diese an Bolsonaro gerichteten Worte kamen passenderweiser von einem Immigranten aus Haiti. Dort wĂŒtete ĂŒber Jahre die Cholera, erwiesenermaßen eingeschleppt von den UNO-Soldaten, die als MINUSTAH unter der Leitung von brasilianischen Offizieren, HauptmĂ€nnern und GenerĂ€len die sogenannte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti als Friedensmission der Vereinten Nationen durchfĂŒhrten. Oberster General der MINUSTAH war in den Jahren 2004 und 2005 der brasilianische General Augusto Heleno, derzeit engster Berater Jair Bolsonaros und Oberster Chef des brasilianischen Sicherheitskabinetts GSI. Unter General Augusto Heleno drangen MINUSTAH-Soldaten in das Armenviertel CitĂ© Soleil in der Hauptstadt Port-au-Prince ein, um den mutmaßlichen Warlord Dread Wilme zu verhaften. Über 22.000 Kugeln spĂ€ter war Dread Wilmes tot – und mit ihm Dutzende an unbewaffnete Zivilist*innen. Als Brasiliens damaliger PrĂ€sident Lula davon erfuhr, enthob er General Heleno seines Amtes und bestellte ihn umgehend nach Brasilien zurĂŒck. Seither schimpfte General Ausgusto Heleno ĂŒber die Regierung der Arbeiterpartei PT, polterte gegen die nationale Wahrheitskommission zu den Verbrechen der brasilianischen MilitĂ€rdiktatur, drohte unverhohlen mit der Armee, sollte Lula gewĂ€hlt werden, und wetterte gegen die Indigenen-Politik der VorgĂ€ngerregierungen der PT. Derzeit liegt General Augusto Heleno in QuarantĂ€ne. Er ist positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Ist der Weltgeist Hegels doch noch mit eifrigen FlĂŒgeln unterwegs?
Ist er nun oder nicht?
Corona legt die Inkompetenz dieser Regierung Bolsonaro gnadenlos offen. Fassungslos starren mittlerweile Millionen von Brasilianer*innen, die 2018 ihr Kreuz bei Bolsonaro setzten, auf den schlechte Witze reißenden PrĂ€sidenten, der sich um Corona nicht schert, der vermutlich selbst mit Corona infiziert ist, immerhin sind 23 Mitglieder seiner Entourage, mit der er Anfang MĂ€rz in die USA im selben Flieger gereist ist, mittlerweile positiv getestet worden. Bolsonaro selbst sagt, seine zwei Tests seien negativ ausgefallen, er will die Test-Belege aber der Öffentlichkeit weiter vorenthalten. Die Behörden von BrasĂ­lia haben dem MilitĂ€rhospital, in dem Bolsonaro und seine Entourage sich haben testen lassen, gerichtlich auferlegt, die Namen der Untersuchten und positiv Getesteten offen zu legen, um dergestalt sicherstellen zu können, dass diese Personen isoliert werden, um weitere Gefahr von der Gesellschaft abzuwenden. Dies tat das Krankenhaus, aber zwei Namen von positiv auf Corona Getesteten wurden nicht veröffentlicht, wie zuerst die Folha de SĂŁo Paulo berichtete, woraufhin der Correio Braziliense nachlegte, das Hospital habe die zwei Namen anonymisiert aus GrĂŒnden der nationalen Sicherheit. Ein Schelm, wer dabei an Bolsonaro und seine Gattin denkt.

Zur Erinnerung, en passant: Die brasilianische Gesetzeslage ist eindeutig: Wer Infektionskrankheiten wissentlich und willentlich verbreitet, kann zu mehrjÀhrigen Haftstrafen verurteilt werden.
Ein PrÀsident im (nur verbalen?) Putschmodus
Bolsonaro schĂŒttelt weiter die HĂ€nde seiner verbliebenen fanatischen AnhĂ€nger*innen, umarmt und herzt sie und ruft zum Sturm auf Kongress und zur Auflösung des Obersten Gerichtshof auf. Ein PrĂ€sident im verbalen Putschmodus, doch wer steht hier eigentlich mittlerweile politisch mit dem RĂŒcken zur Wand? Wer noch hinter ihm steht, sind die Malafaias und Macedos dieser Welt, die mit ihren evangelikalen Kirchen weiterhin den Obulus-Zehnten fĂŒr ihre Kirchen (und sich) abzwacken wollen und deshalb die Messen trotz Gefahren eines Corona-Super-Spreadings weiter offenhalten wollen und die schon immer ihre feuchten TrĂ€ume von Apokalypse und JĂŒngstem Gerichte hegten. Hinzu kommen (erschreckend hohe An-)Teile der MilitĂ€rpolizei und des MilitĂ€rs, also die, die im Land die Waffen haben, sowie die mittlerweile paramilitĂ€risch organisierten MafiamilizionĂ€re vor allem aus Rio de Janeiro, die dort mittlerweile ĂŒber die HĂ€lfte des ganzen Stadtgebiets mit ihrem System aus Schutzgeld, Erpressung und Mord unter ihre auch ökonomische Gewalt gebracht haben, die immer noch stramm zu ihrem Hauptmann stehen und am Liebsten mit gezogener Waffe dem Virus begegnen wollen. Nekropolitik auf die neue Art. Dort in Rio liegen auch die immer noch nicht geklĂ€rten Verbindungen des Bolsonaro-Clans zur Ermordung der Schwarzen, linken, bisexuellen, aus der Favela stammenden, charismatischen Stadtverordneten Marielle Franco von der Partei PSOL, die am 14. MĂ€rz 2018 in ihrem Auto regelrecht hingerichtet wurde – und der Bolsonaro-Clan hat merkwĂŒrdigerweise zu so ziemlich allen dieses Mordes VerdĂ€chtigen beste Beziehungen.

Bolsonaros gestrige Rede an die Nation ist zu verstehen als Ansage an seine UnterstĂŒtzer*innen: 1) An die Wirtschaftselite und die um ihre PfrĂŒnde fĂŒrchtende obere Mittelklasse: Euer Profit geht ĂŒber (das) Leben (der vielen Hungerleider), so Bolsonaros unmißverstĂ€ndliche Botschaft. 2) An die MilitĂ€rs und MilitĂ€rpolizisten die sublime Botschaft, “Steht bereit!”, bei den ersten Anzeichen sozialer Konvulsionen, wir, das sind die Bolsonaros, und Ihr, die MilitĂ€rs und MiltĂ€rpolizisten, stehen wir zusammen mit unseren Waffen bereit, das „Patria Amada Brasil“ zu retten. Das passt wieder in Bolsonaros ewige Rede vom Auflösen des Kongresses und Schließen des Obersten Gerichtshofes STF. Zur Erinnerung: In wenigen Tagen jĂ€hrt sich der Tag des MilitĂ€rputsches, 31.3.1964. 3) An die Internettrolle und Hater: Hasst weiter und verdoppelt Euren Hass. 4) An die Evangelikalen: Ihr kriegt Euer Armageddon und JĂŒngstes Gericht.

Doch bei etlichen (der bisherigen) UnterstĂŒtzer*innen Bolsonaros zeigen sich deutliche Absetzbewegungen, selbst sein bisheriger zum ideologischen Guru erklĂ€rter „Vordenker“, der Astrologe und Hobbyphilosoph und Verschwörungsillusionist Olavo de Carvalho distanzierte sich zusehends von Bolsonaro. Mehr und mehr der Bolsonarista-Internet-Trolle verstummten in den letzten Tagen und praktizieren das, was, Nomen est Omen, was ihr Name ihnen rĂ€t, sie trollen sich und ziehen Leine. Auch im MilitĂ€r, vor allem unter den höheren Dienstgraden, scheint es zu brodeln, mehr und mehr erheben öffentliche Kritik an Bolsonaro und dessen inner circle, was bei Bolsonaro letztlich immer nur heißt: er und seine Söhne. Bei den Politiker*innen, die nun ihre Wahlchancen steigen sehen, wenn sie sich als Gegner Bolsonaros profilieren, allen anderen medienmarketinggestyled deutlich voran die Gouverneure JoĂŁo Doria aus SĂŁo Paulo, Wilson Witzel aus Rio de Janeiro oder HĂ©lder Barbalho aus dem Bundesstaat ParĂĄ, tritt der abgrundtiefe Hass und die Wut auf Bolsonaro mittlerweile ungehemmt zu Tage.
Erosion der Machtzentrale durch Absatzbewegungen?
Angesichts explodierender Corona-Zahlen und der Tatsache, dass nun mehr und mehr Menschen klar wird, dass mit markigen SprĂŒchen keine sinnvollen Politikmaßnahmen getroffen werden können, die auch nur ansatzweise der Corona-Explosion etwas entgegensetzen könnten, dass eine Regierung aus rechtsradikalen Populisten, evangelikalen Eiferern und martialischen MilitĂ€rs, eine Regierung aus Flat Earthern, Bullshitern und chronischen LĂŒgner, eine Regierung aus moralinsauren Aposteln, neoliberalen Dogmatikern und geldgeilen Korrupten soeben dabei ist, Land und Gesellschaft und Wirtschaft aber so vollends gegen die Wand fahren zu lassen, so nimmt es nicht wunder, wenn mehr und Menschen klar wird, wie offensichtlich diese Regierung erodiert – und dass es jedem auf Macht bedachten Politiker nun darum zu gehen hat, möglichst unbeschadet sein Scherflein ins Trockene, also weitab von Bolsonaro, zu bringen. Die Absatzbewegungen sowohl bei der Elite des Landes, im brasilianischen Senat und Abgeordnetenhaus und den Regionalregierungen sind unĂŒbersehbar.

“Ihre Regierung ist vorbei.” Dies zeichnet sich als Möglichkeit immer deutlicher ab. Das Danach ist aber auch nicht unbedingt besser. Ein auf Bolsonaro nachrĂŒckender General Hamilton MourĂŁo, derzeit eher mephistophelisch in sich hinein grinsender VizeprĂ€sident in BrasĂ­lia böte angesichts seiner kalten – und vor allem durchgĂ€ngig militĂ€risch geschulten – Intelligenz auch keine bessere Aussicht.

Brasilien ist kein Land fĂŒr AnfĂ€nger und Amateure, wahrlich nicht.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von KoBra (Kooperation Brasilien), dort zuerst erschienen am 25.03.2020, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion.