Angehörige von Verschwundenen in Mexiko üben Kritik an Sheinbaums Politik

Das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen gehört seit Jahren zur Realität in Mexiko. Für viele Familien ist es Alltag. Sie suchen nach ihren Angehörigen, meistens ohne Hilfe des Staates. Sie organisieren sich selbst. Sie dokumentieren Fälle. Und sie kämpfen darum, dass das Thema überhaupt sichtbar bleibt.

Die Dimension ist enorm. Offiziell spricht selbst die mexikanische Regierung von über 130.000 Verschwundenen. NGOs und Angehörige, fast ausschließlich Mütter oder Ehefrauen von Verschleppten, gehen von deutlich mehr aus. Hinter diesen Zahlen stehen Einzelschicksale. Doch zwischen den staatlichen Darstellungen und den Erfahrungen der Betroffenen klafft eine große Lücke. Die Situation ist inzwischen so drastisch, dass der UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen (CED) erstmalig den Artikel 34 anwenden will. Der erlaubt es in besonders gravierenden Fällen, den UN-Generalsekretär um eine Dringlichkeitssitzung der Generalversammlung zu bitten. Gleichzeitig erklärte die Kommission, dass es Verdachtsmomente gebe, dass in Mexiko Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Die mexikanische Regierung streitet die Vorwürfe jedoch ab und spricht von anderen Daten. Der Satz „tengo otros datos“ (ich habe andere Daten) wurde während der Präsidentschaft von AMLO (Andrés Manuel López Obrador, 2018 bis 2024) zu einem geflügelten Wort. Er nutzte ihn regelmäßig, fast gebetsmühlenartig, wenn Fakten, Statistiken oder Umfragen nicht zu seiner politischen Agenda passten. Der Ausspruch steht heute sinnbildlich für den Umgang mit unbequemen Zahlen.

Auch im April 2026 stimmten die Daten der mexikanischen Bundesregierung nicht mit denen der UN-Kommission überein. Bereits 2012, unter der Regierung des Konservativen Felipe Calderón von der Partei der Nationalen Aktion (PAN), sowie später unter der von Enrique Peña Nieto geführten Regierung der PRI (Partei der Institutionalisierten Revolution) legte die UN-Kommission Berichte vor. Weitere folgten 2021 und 2023 unter López Obrador und 2025 unter der aktuellen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Diese Berichte basieren auf unterschiedlichen Quellen. Dazu gehören Dokumente von NGOs, vor allem aber von zahlreichen Kollektiven Angehöriger. Letztere spielen eine zentrale Rolle. Ohne sie wäre das Thema kaum präsent. Sie suchen eigenständig nach Massengräbern. Sie kleben Plakate mit Fotos ihrer Vermissten und geraten deshalb immer wieder in den Konflikt mit Polizei und Staatsanwaltschaft, die oft als überfordert oder unwillig gelten.

Breit aufgestellte illegale Ökonomie verschleppt Menschen

So stützt auch der letzte Bericht der Kommission vom 19. März 2026 diese Aussagen. Sein Fazit ist eindeutig: Die Krise der gewaltsamen Verschwundenen bestehe weiterhin fort. Die Mittel des Staates seien nicht ausreichend. Oft fehle es an politischem Willen. Hinzu komme die tiefe Krise der Gerichtsmedizin. Frühere Empfehlungen seien nur teilweise umgesetzt worden. Zudem gebe es Hinweise, dass staatliche Stellen involviert seien, vor allem, aber nicht nur, kommunale Polizeieinheiten. In den allermeisten Fällen würden die Opfer durch falsche Stelleninserate der Banden oder Entführungen auf offener Straße in die Hände der Organisierten Kriminalität geraten. Es gebe aber auch dokumentierte Fälle, in denen die Polizei Personen festnahm und an kriminelle Gruppen übergab. Dabei greife es zu kurz, in Mexiko nur von Drogenkartellen zu reden. Seit den späten 1990er-Jahren haben sie ihre Aktivitäten stark diversifiziert. Sie sind im Waffenhandel tätig, betreiben Menschenhandel und Prostitution. Sie erpressen Schutzgeld und kontrollieren den Verkehr. Sie stehlen Treibstoff. Gleichzeitig investieren sie in legale Geschäfte, wie Immobilien, Restaurants oder Hotels. Diese breit aufgestellte illegale Ökonomie verschleißt eine ungeheure Menge an Arbeitskraft, die sie legal nicht anwerben kann. Viele Menschen werden dazu gezwungen, für sie zu arbeiten. Ihre Lebenserwartung dabei ist oft gering. Wer nicht mehr „brauchbar“ ist, wird ersetzt. Häufig endet dies tödlich. Diese Dynamik trägt wesentlich zur hohen Zahl der Verschwundenen bei. Angesichts dieser Situation hat der CED im März 2026 entschieden, das Thema in die Generalversammlung zu bringen. Dabei betonte er, dass es nicht um Sanktionen gehe. Vielmehr solle Mexiko Unterstützung erhalten, finanziell und technisch.

Empörte Reaktionen aus den zuständigen Ministerien

Die Reaktion der mexikanischen Regierung fiel deutlich aus. In einer gemeinsamen Erklärung vom 3. April wiesen Innen- und Außenministerium den Bericht zurück. Sie lehnen den Bericht als tendenziös ab. Er entbehre juristisch stichhaltiger Argumente und berücksichtige die Maßnahmen der Regierung seit 2025 nicht (Sheinbaum trat ihr Amt im Oktober 2024 an). Besonders stört man sich an den Behauptungen, dass staatliche Stellen dem Verschwinden von Personen zustimmten, dem nicht genug nachgingen oder sogar selbst daran beteiligt seien. Darüber hinaus lägen alle Fälle, die das Dokument anführt, vor 2018, also vor der Regierungsübernahme durch MORENA (Movimiento de Regeneración Nacional, Bewegung der Nationalen Erneuerung), also nicht in der Verantwortung der aktuellen Regierung. Dabei zitiert das Dokument, unter Rückgriff auf die Internationale Liga für Menschenrechte, mit dem Fall des Rancho Izaguirre einen Fall aus dem Jahr 2024/2025.

Auf dieser Ranch in der Nähe des Ortes Teuchitlán, etwa eine Stunde entfernt von Guadalajara, der Haupt­stadt des Bundesstaats Jalisco, der mit 17 000 registrierten Verschwundenen trauriger Rekordhalter der 32 Bundesstaaten Mexikos ist, wurden jahrelang junge Männer für die Arbeit der Organisierten Kriminalität ausgebildet. Den örtlichen Behörden sei dies nie aufgefallen. Nachdem die Narcogruppe die Ranch aufgegeben hatte, um ihren illegalen Aktivitäten an anderen Orten nachzugehen, untersuchten die örtliche Polizei, die Staatsanwaltschaft und das Militär den Ort. Dabei konnten sie nur zwei Verschleppte befreien und anscheinend ansonsten nichts Verdächtiges feststellen. Erst Kollektive von Angehörigen fanden später die Massengräber, Hunderte von Kleidungsstücken, Abschiedsbriefe und Krematorien. All das war den Behörden zuvor nicht aufgefallen. Betrieben wurde die Ranch vom Kartell Jalisco Nueva Generación, dessen Anführer „El Mencho“ im Februar 2026 gezielt umgebracht wurde.

Der Ex-Sicherheitsminister von Tabasco und das organisierte Verbrechen

Zwei weitere Fälle wurden im Bericht nicht erwähnt, sind aber politisch brisant. Im September 2025 wurde Hernán Bérmudez Requena in Paraguay festgenommen und nach Mexiko ausgeliefert. Der ehemalige Sicherheitsminister des Bundesstaates Tabasco wird unter anderem der Erpressung, Entführung und des Verschwindenlassens von Personen beschuldigt. Zudem wird untersucht, ob er der Chef der kriminellen Bande „La Barredora“ (auf Deutsch in etwa „die Straßenkehrerin“) war. Sie agierte im Bundesstaat Tabasco.

Brisant ist seine Nähe zur Regierungspartei MORENA. Er war Minister unter Gouverneur Adán Augusto López Hernández, einem engen Verbündeten López Obradors. Heute ist López Hernández Senator. Ihm wird vorgeworfen, von den Machenschaften seines Ministers gewusst und sie bewusst gedeckt zu haben. Darüber hinaus verlangte die US-Regierung vor einigen Wochen die Auslieferung des inzwischen zurückgetretenen Gouverneurs von Sinaloa, Rubén Rocha Moya, da ihm Verbindungen zu Kartellen vorgeworfen werden. Das hatten Journalist*innen bereits nach seinem Amtsantritt 2021 aufgedeckt. Auch er gehört MORENA an. All diese Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Korruption, Straflosigkeit und institutionelle Schwäche prägen das System seit Jahrzehnten. Ermittlungen verlaufen meist im Sande. Behörden sind unterfinanziert und Verantwortung wird selten übernommen.

Die aktuelle Regierung hatte angekündigt, mit diesen Strukturen zu brechen. Sie spricht von einer „vierten Transformation“ des Landes. Doch die Reaktionen auf den Bericht lassen Zweifel zu. Für die Familien der Verschwundenen bleibt die Situation unverändert. Sie suchen weiter. Sie hoffen weiter. Und sie stehen allein da. Der Satz: „Wir haben andere Daten“ steht für viele sinnbildlich für diese Distanz. Am Ende bleibt eine bittere Ironie. Viele Angehörige wenden sich an „La Morena“, die Jungfrau von Guadalupe. Nicht an die Partei, sondern an die religiöse Figur. Sie gilt als Schutzpatronin Mexikos. Für viele ist sie die letzte Hoffnung.

Ende April hat der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, der Österreicher Volker Türk, Mexiko besucht und die schwachen Hoffnungen der Kollektive zerstört: Es gab wieder mal nur laue Luft. Und Rückendeckung für die mexikanische Regierung.

Claus Witte lebt seit 22 Jahren in Guadalajara, Mexiko, wo er das Goethe-Zentrum des Bezirks leitet. In seiner Freizeit übersetzt er u.a. Artikel für die ila. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 496 Juni 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

Über Claus Witte - Informationsstelle Lateinamerika:

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