Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Kategorie: Lesebefehle (Seite 68 von 134)

Das Recht, Rechte zu haben

Unter Bezug u.a. auf Hannah Arendt hat Albrecht von Lucke ein weiteres flammendes Plädoyer abgeliefert. In “Die neue Protestwelle oder: Wer gehört zum Wir?” behandelt er die Corona-, die Antirassismus-Proteste, sowie die Randale überwiegend männlicher Jugendlicher in Stuttgart und Frankfurt. Der in der Überschrift einst von Hannah Arendt formulierte universalistische Anspruch müsse in der Anerkennung der “real existierenden deutschen Diversität” münden. Richtig.
In einem Seitenaspekt streift Lucke die einstigen “Halbstarken” der 50er und 60er Jahre, die heute teilweise wieder auferstehen, “die weder über hinreichend Wohnraum noch über einschlägige ‘Locations’ verfügten”. Weiterlesen

Bei Reuth

Das Besondere an Bodo Ramelow ist, dass er bei seinen öffentlichen Auftritten, ohne aufdringlich zu erscheinen, sein (scheinbar?) wahres Ich einspielt und aufscheinen lässt. Er überschreitet die Grenzen “professioneller” Politiker-Selbstdarstellung, indem er verwundbare Stellen seiner Persönlichkeit vorzeigt. Hier, biite schön, wenn Du willst, schlag’ zu, ein bisschen wie Jesus (Ramelow legt Wert auf seine Religiosität). Am Ende des Tages führt das bei der Mehrheit, die er gewinnen will und nachweislich auch kann, zu einem uneinholbaren Glaubwürdigkeitsgewinn. Selbst wenn er keiner von “uns” (Ossis, Thüringer*innen) ist, er könnte es doch sein. Und also wird er aufgenommen in das “Wir” – und gewählt. Weiterlesen

Was tun gegen Frauenhass

Ohne Fragezeichen. Spürbar angewidert berichtet Frauke Steffens/FAZ vom Nominierungsparteitag der US-Republikaner. Breiten Raum nehmen dabei Frauen ein, die sich für den Pussygrabber Donald ins rhetorische Getümmel stürzen. Dieses Phänomen von Selbsthass haben sie nicht exklusiv. Weltweit bekannt ist, dass die fanatischsten Schwulenhasser katholische Kardinäle waren und sind, nicht wenige deutsche darunter.
Einer, der was tut, ist der frauenliebende Arno Widmann/FR. Er liefert Weiterlesen

War was?

Ein Sommer ohne Märchen
Die Jüngeren werden sich nicht erinnern. 2006 war es. Eine korrupte Koalition aus deutscher Politik, Fußballkriminellen und mittlerweile pleitegegangenen Medienkonzernen (Kirch) kaufte bei der Mafiaorganisation Fifa eine Fußball-WM. Verbunden mit glücklichen Wetterumständen – vergleichbar zur diesjährigen Corona-Krise – gab nicht nur eine Fernsehnase bekannt, dass er aus dem Hubschrauber erkannt habe, wie “schön” unser Land sei. Es war in der Tat, so erlebte ich es im schönen Bonn, ein einziges riesiges Strassenfest. Weiterlesen

Grüner Sozialismus?

DIE Frage unserer Zeit – oder aufgewärmte Antiquitäten?
“Ökosozialist*inn*en” gab es mal bei den Grünen, bevor ich der Partei beitrat. Das war 1989, da waren die gerade am Austreten. Thomas Ebermann, der zeitweise den gleichen Hausarzt hatte wie ich, und Rainer Trampert, dem ich heute noch seine seinerzeit genialen TV-Auftritte anrechne, gehörten dazu, Repräsentanten einer Sekte namens “Kommunistischer Bund” (KB) mit Hochburgen in Hamburg und Göttingen, darum “KB-Nord” genannt. Es soll zu den Jugendsünden Jürgen Trittins gehören, da mal dazugehört zu haben. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit war die Zuordnung des Sozialismus-Begriffs zu den Grünen damit erledigt. Weiterlesen

“Unserer Truppe geht es gut”

Koloniale Gegenwart
In deutschen Medien gibt es gegenwärtig nur zwei Auslande: die USA und – Überraschung! – Belarus. Brav wird so die Agenda der Bundesregierung nachvollzogen, begleitet und abgearbeitet. Darum möchte ich Ihren Blickwinkel hier mal wieder auf Afrika richten. Nicht wegen Hungersnöten und Krankheiten, obwohl das natürlich auch gegenwärtige Probleme sind, sondern wegen der gegenwärtigen kolonialen Praxis Frankreichs und seines engen Verbündeten (und Rivalen!) Deutschland, das doch auch so gerne über französische Atomwaffen mitreden würde. Weiterlesen

Wohnkapital / Grundeinkommen / Nawalny / London

Philipp Möller/Jungle World analysiert prägnant die Entwicklungen und Veränderungen im deutschen Immobilienkapitalismus. In einer 5-Minuten-Recherche habe ich versucht mehr über ihn herauszufinden. Wenn er der Gleiche ist, von dem in diesem Wikipedia-Eintrag behauptet wird, er sei “FDP-Sympathisant”, würde sogar für die arbeiten, dann ist das mindestens bemerkenswert. Weiss der Lindner von diesem Zusammentreffen von so viel Systemkritik mit seiner Partei?
Bemerkenswert auch Hans-Jürgen Arlt/bruchstuecke, zehn Jahre lang Chef der Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Weiterlesen

Lügen als Lebensform

Verena Lueken/FAZ erinnert (kein Link, Paywall) an einen Vortrag, den Hannah Arendt im Mai 1975 in den USA gehalten hat. Er trug den Titel “Home To Roost”, und soll einer der Letzten vor Arendts Tod gewesen sein. Er handelt von Dingen, die nicht nur Frau Lueken brandaktuell vorkommen (und ḱeineswegs nur in den USA). Lueken schreibt, dabei Arendt paraphrasierend: “Die Politik war längst dazu übergegangen, Bilder zu erschaffen, die sich vor die Wirklichkeit schoben, Weiterlesen

Wer wird siegen?

Mensch oder Maschine? Arbeit oder Kapital?
Das Spannende an der Gegenwart sind die wichtigen Weichenstellungen. Mir persönlich sind sie eher zuwenig öffentlich, und noch weniger umkämpft. Das macht kein gutes Gefühl. Insofern ist dieser Blog so eine Art Selbstmedikation. Damit zumindest niemand meiner Freund*inn*e*n sagen kann (oder gar muss), das habe sie*er “nicht gewusst”.
Die Philosophin Johanna Seibt plädiert im Carta-Interview für “Mit Robotern leben lernen”. Lesenswert ist ihr Interview, weil es Weiterlesen

Zu kurz gedacht

Ulrike Winkelmann hat in ihrer Zeit beim Deutschlandfunk (2014-20) das getan, was von festangestellten Redakteur*inn*en öffentlich-rechtlicher Medien erwartet werden muss, aber allzu selten vollbracht wird: als (mit-)verantwortliche Redakteurin der DLF-Reihe “Hintergrund” hat sie Erster-Klasse-Journalismus möglich gemacht. Als taz-Chefredakteurin muss sie darüber hinaus Qualifikationen zur Anwendung bringen, die sich dem Blick der Öffentlichkeit entziehen, um den Laden zusammen- und am Laufen zu halten. Dafür wünsche ich ihr viel Glück. In einem Kommentar hat sie sich heute für Rot-Rot-Grün abgemüht. Vergeblich. Weiterlesen

Netflix / Wirecard

Harald Keller, ein umtriebiger “freier” Medienjournalist, nimmt in einem Essay für die Jungle World den “Mythos Netflix” auseinander. Seine Faktenbasis ist weit grösser als meine, also ein potenzieller Gewinn, seine Sicht auf die hiesige Medienwahrnehmung, auch ihren politischen Interessen-Hintergrund, halte ich für absolut treffend.
Florian Rötzer/telepolis hat die Financial Times gelesen, deren deutsche Ausgabe es schon so lange nicht mehr gibt, und dort den Spin gefunden, Weiterlesen

Jungle World / Öcalan bei Jacobin

Die heute online freigeschalteten Texte der Jungle World erscheinen mir alle lesenswert. Prüfen Sie selbst:
Jana Borchers interviewt die italienische Arbeitsmarktforscherin Stefania Animento: es geht um Prekarität, migrantische Arbeitskräfte und gewerkschaftliche Versäumnisse.
Doerte Letzmann interviewt den torynahen Andrew Foxall, Forschungsdirektor des Studienzentrums für Russland und Eurasien bei der Henry Jackson Society, und erhält neben erwartbaren auch differenzierende Antworten, die zum Weiterdenken einladen, zur Frage der russischen Einflussnahme. Weiterlesen

Sinnfragen – Enke wirkt

2009, nach dem Selbstmord von Robert Enke hatte ich schon auf dem Bonner Marktplatz bemerkt, an der Espresso-Bude der Freundinnen, die heute das Restaurant Mademoiselle in Endenich betreiben, dass wildfremde Menschen den Mut fassten, öffentlich über ihre Depressionserkrankung zu sprechen. Das war damals schon ein wichtiger emanzipatorischer Schritt. Jetzt mehren sich öffentliche Auftritte, in denen professionelle Leistungssportler*innen öffentlich über ihre Krisensituation bis hin zum Rücktritt sprechen – ebenfalls ein grosser Fortschritt, der in Einzelfällen lebensrettend sein kann. Weiterlesen

Mauern gegen Fakten

Klima / Unser Bastard Mali / Mauern / Torwart im Widerstand
Spiegel-Leser*innen wissen weniger. Ist Hamburg auf einem anderen Planeten? Dort halluzinieren sie “Klimawandel im Aufmerksamkeitstief”. Wo mag das sein? Wieviel Grad ist bei Ihnen? Bei mir in Mitteleuropa sind es 38. Der Pegelstand unseres Flusses ist um 1 m auf 2,50 m gestiegen, wg. Überschwemmungen in seinem südlichen Einzugsgebiet. Die Wassermengen fliessen ohne langen Aufenthalt durch, weil der Boden am Ufer steinhart-trocken ist, und es nicht mehr aufnehmen kann. Unsere Stadtbäume sind gelb und braun, nicht wenige sterben. Hier ist es aber – für uns Menschen noch – gar nicht schlimm, sondern schlicht Sommer. Schlimm ist es überall woanders. Weiterlesen

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